Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 557 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters 557 ihnen im verschwenderischen Übermaß verliehenen Tugenden und Lastern behaglich und dachten an keine. Entwicklung. Der Dialog' dieser blutleeren Figurinen war hölzern und unbeholfen; pathetische Ausrufe, kühne Vergleiche, gewagte Bilder streiften oft das Lächerliche. Die Sprache war nicht einheitlich. Man hatte Bedenken gegen die Salon- und Gesellschaftsfähigkeit des „Jargon" und ließ die gekrönten Häupter und hohen Würdenträger — um die Bildungsdistanz nachdrücklich zu betonen und in Anlehnung an den Hintertreppenroman — ein Küchendeutsch radebrechen, das seine Herkunft aus gewissen Geschäftskreisen des österreichisch-rumänischen Grenzgebietes nicht verleugnete, während die Juden und das gemeine Volk ein schlichtes, reines, oft markiges Jiddisch sprachen. Beim völligen Mangel an innerem Wert der vorgeführten Stücke konnte die Ausstattung die ihr naturgemäß zufallende Aufgabe: den Stimmungsgehalt des gesprochenen Wortes kräftig zu unterstützen, nicht erfüllen. Sie wurde, nicht zu allerletzt unter dem Einfluß des englischen Theaters und der amerikanischen music-halls zum Selbstzweck. Kitschige, mit grellen Farben bemalte Prospekte und Kulissen, brennende Schiffe, flammende Scheiterhaufen, einstürzende Mauern, billige Lichteffekte und allerhand andere szenische Kunststücke wurden von der Menge wie ein Gotteswunder immer von neuem bestaunt. Ob das „historische" Kostüm nach archäologischen oder aber ästhetischen Gesichtspunkten gebildet sein soll, darüber zerbrachen sich weder die Schauspieler noch die Direktoren, am wenigsten aber die nichtvorhandenen Regisseure den Kopf. Die von den Zuschauern bewunderten prächtigen „orientalischen" Gewänder waren bunte Lappen, die in ihrer zeitlichen und örtlichen Ungebundenheit von der Unbekümmertheit des fröhlichen Bühnenvölkchens zeugten. Aber auch die äußere Erscheinung der vorgeführten Gestalten stellte keine besonderen Anforderungen an die Erfindungsgabe der Darsteller. Wie in jedem primitiven Volkstheater sorgten stehende Masken dafür, daß sich ein wertes Publikum nicht einen Augenblick lang im Zweifel über die Gestalt befinde. Das königliche Haupt zierte ein edler, männlicher, schwarzer oder leichtmelierter Vollbart, den schwarzen Charakter des Bösewichts schien eine knallrote oder quittengelbe Perücke mit einem nach oben gebürsteten (Korporal-)Schnurrbart und glattrasiertem Kinn am besten zu versinnlichen. Mit dieser keck herausfordernden unfrommen Haartracht stand die antisemitische Gesinnung ihres Trägers in offenbarem Zusammenhang. Reiches, blondes, seltener schwarzes Haar bildete eine würdige Umrahmung für das in allen Farbentönen der Schminke blühende Gesicht der jungen Prinzessin, während wellige, auf den Nacken herabfallende Locken dem kühnen Auge und edlen Antlitz des furchtbaren Helden die für die Liebesszenen unerläßliche schmachtende Note verliehen. Um den Kontakt mit dem Zuschauer herzustellen, griff man nach einem äußerst primitiven Mittel. Man ließ es ruhig gewähren, daß die angeheiterten Zuschauer die Lieder mitsangen. Man ging oft noch weiter: setzte einige Schauspieler in verschiedene Plätze der Galerie, die die Melodie aufzugreifen und das Publikum zum Mitsingen anzueifern hatten. Es war eben nicht leicht, solch eine „historische Oper" nach allen Regeln der Kunst zusammenzuschustern. Jede Gesellschaft hielt sich einen eigenen Verfasser, der den heute auch am deutschen Theater ziemlich undefinierbaren Titel „Dramaturg" führte und dem das freie Beuterecht auf allen Gebieten, vom