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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 556

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
Date
1922-01-01
Page
556 (sequence 9)
Language
German
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556 Michael Weichert: auf dem Allerweltstheater muß er gelenkige Glieder haben, das Tanzbein schwingen, manchen Luftsprung mit mehr Drolligkeit als Geschicklichkeit wagen. Er ist der Vertraute der Liebenden; in seiner Hand laufen die Fäden der Handlung zusammen. Dem Trünke nicht abgeneigt, oft leicht oder auch schwer benebelt, weiß er sich und die andern aus jeder noch so verwickelten Lage herauszuhelfen. Daß Schauspieler von tiefem Ernst und hoher Begabung gerade diese Rollen zu Kabinettstücken intimer Schauspielkunst, von wehmütigem Humor verklärt, auszugestalten wußten, gehört zu den unvergeßlichen Erlebnissen des besseren Zuschauers. Die Hauptsache aber bildet die Musik. Der Zuschauer bestand auf seinen alten überlieferten Rechten. Das war der positive, bleibende Gewinn, den er mit nach Hause nehmen konnte, um es seinen Angehörigen in der Stube, seinen Amtsgenossen am Arbeitstisch vorzusingen. Arien, Couplets, Duette, Terzette, Chöre, oft dem synagogalen Melodienstand oder fremdsprachigem Operngut entnommen, sind den verschiedensten Stellen der Handlung, meist unorganisch, aufgepropft. Sie sind nicht Ausdrucksmittel dramatisch bewegter Seelenzustände oder Vorgänge, sie verfolgen lediglich dekorative Zwecke, bilden einen gefälligen musikalischen Aufputz (wie etwa im deutschen Liederspiel eines Dittersdorf des achtzehnten Jahrhunderts). Hierhin verkroch sich bescheiden das Volkslied, das einst die Keimzelle des Theaters war. Aus der Jahrmarktsbude und der music-hall wird schließlich der leicht geschürzte Tanz übernommen und das also entstandene Gesamtkunstwerk „historische Oper" getauft, ein Mischprodukt, das lange Jahre hindurch das Repertoire beherrschte, vertrieben — wie die Harlekinade in Deutschland — immer wiederkehrte und sich noch heute einer großen Beliebtheit erfreut. Aber durch das Gesagte ist dieses volkstümliche Singspiel — denn das war es in Wirklichkeit — noch lange nicht genügend charakterisiert. Die Zuschauer brachten eine ganze Menge einzelner Forderungen mit, die nicht unberücksichtigt bleiben durften, sollte das Stück dauernden Erfolg haben. Für die Aufrechterhaltung nationaler Gefühle wurde in diesen Haupt- und Staatsaktionen hinreichend gesorgt: an irgend einer oder mehreren beliebigen Stellen angebrachte, mit dröhnendem Pathos heruntergeschmetterte Tiraden, die in einem schmalzigen „Schmäh Jisroel" ausklangen, durften eines rauschenden Beifalls sicher sein. Mit eifervoller Sorgfalt wurden die Stellen herausgearbeitet; sie geben den Grundton ab, auf den das Stück, Inhalt und Inszenierung, abgestimmt war. Die Vorliebe für historische Stoffe, die auch den Vorzug besaßen, daß die „Gerechtigkeit" durch die Entfernung gewann, veranlaßte die Autoren, die Namen der immer gleichbleibenden Personen der jüdischen Geschichte zu entnehmen; darauf beschränkte sich die historische Bearbeitung der Stoffe. In beiden Fällen nahm das naive Publikum das Dargebotene für bare Münze und berauschte sich an diesem national-historischen Anschauungsunterricht. Mit dem Gefühl besonderer Spannung folgt der Zuschauer religiösen Handlungen auf der Bühne, zumal wenn auf Fürbitte eines mehrstimmigen Chorus die himmlischen Mächte durch sichtbare Zeichen und Wunder in die •Schicksale der Staaten und Völker eingriffen. Die Wahrscheinlichkeit leuchtete um so mehr ein, als die Stücke trotz ihres historischen Gewandes keinen festen Boden unter den Füßen hatten, nirgendwo und nirgendwann spielten. Die Charaktere, schneereine Engel oder pechschwarze Teufel, fühlten sich in den

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