Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 558 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101133-3102619--1951-3102701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Michael Weichert: Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters Hintertreppenroman bis zur hohen Tragödie eingeräumt war. Er war verpflichtet, zu gewissen Zeiten, in erster Linie zum Laubhütten- und Osterfest, außerdem aber noch mehrmals im Jahr ein abendfüllendes Stück zu liefern. Der „privilegierte" Autor war an den Einnahmen der Gesellschaft beteiligt und wachte eifersüchtig über seinem Recht der ausschließlichen Lieferung. Bei seinen Beziehungen zu den Mitgliedern der Gesellschaft fiel es ihm nicht schwer, durch mangelhafte Einstudierung und unzureichende Ausstattung des von einem „Fremden" eingereichten Stückes jede unerwünschte Konkurrenz vom Theatermarkte fernzuhalten. Die Texte blieben im Eigentum der Gesellschaft, und nur auf — nicht immer einwandfreien — Umwegen konnten die handschriftlichen Abschriften der Souffleurbücher oder gar aus dem Gedächtnis einzelner Mitglieder hergestellten Rekonstruktionen in die Hände anderer Gesellschaften gelangen. Nur in den seltensten Fällen und oft erst nach vielen Jahren wurde von rührigen — meist polnischen oder galizischen — Verlegern eine notdürftige und unzuverlässige Drucklegung jener umlaufenden Abschriften und mündlichen Überlieferungen, die sich einer besonderen Beliebtheit erfreuten, besorgt. Der vom Dramaturgen in zwölfter Stunde gelieferte Text ließ der Willkür der Schauspieler freiesten Spielraum offen. Der Schauspieler, kaum mit den äußeren Umrissen der Handlung vertraut, extemporierte wild darauf los, schob aktuelle Witze ein, focht singend so manchen Strauß mit der Konkurrenz aus. Er fühlte seine unendliche Überlegenheit dem Publikum gegenüber und machte aus seiner Verachtung keinen Hehl auf der Bühne. Ein unflätiges Schimpfwort: „Moische Tuches" diente ihm zur Bezeichnung seiner Kunstgemeinde. Gleichwohl nahm er aber keinen Anstand, den niedrigsten Volksinstinkten zu schmeicheln, Jeder Star hatte seinen Anhang, der in seinen Gunstbezeugungen unermüdlich war und immer bereit, die leisest sich regende Opposition mit Fäusten niederzuhalten. Diese Männer und Jünglinge, aus Shakespeares Zeiten als Gründlinge wohlbekannt, nannten sich hier „Patrioten" (im Sinne von „Anhängern", wie Antisemit Feind bedeutet; man ist Patriot eines Rabbis und spricht — scherzweise — von der antisemitischen Gesinnung eines Hundes). Die Stars, die zugleich die Leitung ihrer Theater innehatten, konnten sich in einer marktschreierischen Reklame, die oft an das Groteske grenzt, kaum Genüge tun. Sie versicherten in öffentlichen Anschlägen einem verehrten Publikum, daß sie all die Solvinis, Barnays, Sonnenthals, Boots bei weitem überträfen oder zumindest alle Eigenschaften jener rerehrungswürdigen Männer in sich vereinigten. Sie bildeten die Hauptattraktion und betrachteten die übrigen Schauspieler als eine wohl unvermeidliche Folie. Unter diesen Umständen konnte bei einer oberflächlichen Einstudierung und ständigem Wechsel der kleineren Kräfte von einem Zusammenspiel keine Rede sein. Die Kritik stand ratlos da, schlug die Hände zusammen, jammerte laut und prophezeite in jeder Saison den unausbleiblichen Untergang des Theaters, um es in der nächsten Spielzeit zu erleben, daß nicht nur alle alten Spielhäuser ihre Tore von neuem öffneten, sondern womöglich eine neue Bühne hinzu kam. Das naive Publikum, das sich so leicht durch die plumpen Kunststücke einfangen ließ, schien eine unverbrauchbare Theaterleidenschaft zu besitzen. Dieser an sich traurige Zustand bietet dem theatergeschichtlich Geschulten nichts überraschendes. Solch ein Tiefstand pflegt reformatorischen Taten vorauszugehen und zu folgen. So folgt — um nur ein Beispiel aus der letzten Phase des