Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 555 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters 555 Grund, weshalb die Stücke fremder Autoren, sollten sie dem Verständnis der Zuschauer nähergebracht werden, bearbeitet werden müssen.*) Unwirklichkeit war es, nach der das jüdische Publikum in erster Linie verlangte. Das Leben drückte so unbarmherzig, war so kahl und eintönig _ hier wollte der Zuschauer seiner Phantasie ungehemmten Lauf lassen, hier wollte er vergessen und sich berauschen. Diese Vorliebe für das Exotische machte sich die geschäftige „gelbe" Presse zunutze und füllte ihre Spalten mit endlosen Fortsetzungen von Schauerromanen. Auch auf der Bühne wucherte diese Hintertreppenromantik üppig und zeitigte die tollsten Sprünge einer wild entfesselten, von keinem Dichtergenie gebändigten Phantasie. Die Stücke der Horowitz, Lateiner, Scheikewitsch-Schomer, die immer wieder unermüdlich gespielt werden, sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Es wimmelt nur so von gekrönten Häuptern, als Bettler verkleideten Prinzen, verlorenen und wiedererlangten Königreichen. Papierne Kronen rasseln, hölzerne Schwerter klirren. Ein junger Prinz, der unüberwindliche Hindernisse auf abenteuerliche Art überstanden und den Theaterbösewicht mit mehreren Tausend seiner Anhänger durch das eigene Schwert ins Jenseits befördert hat, erhält die Tochter seines Todfeindes, die junge Prinzessin. Denn dieser unschuldige, gute Prinz muß siegen, der beim König hoch in Ehren stehende Bösewicht noch im letzten Augenblick —und sei es auf die unerwartetste, unwahrscheinlichste Art — entlarvt werden. Die ewigwaltende Gerechtigkeit suchte der kaum der Willkür des zarischen Beamten entflohene, unter dem Druck des Schwitzarbeitssystems stöhnende Jude — auf der Bühne. Da muß die Tugend triumphieren, das Laster bestraft werden, der kaiserliche Hans die nicht minder königliche Grete glücklich heimführen. So wird der im jüdischen Ethos tief wurzelnde Gerechtigkeitssinn ins Platte gezerrt. Die Handlung soll packend, atemraubend sein, reich an kühnen, überraschenden Wendungen, ohne jeglichen Zusammenhang und psychologische Motivierung: Verkleidungen, wunderbare Rettungen, unerwartete Erkennungsszenen, Wiedervereinigungen mit totgeglaubten Geliebten gehören zu den brauchbarsten Requisiten. Die müden abgestumpften Nerven wollen aufgepeitscht werden, der unruhige Geist verlangt nach Bewegung und findet Gefallen am häufigen Ortswechsel. Viele Stücke beginnen in Europa, um dann unvermutet in Amerika ihren Fortgang zu nehmen; und siehe da: alle Personen ohne Unterschied vonStand, Alter und Geschlecht sind glücklich in Amerika angelangt. Gar arg treibt es einmal Goldfaden, der ein Stück in drei Weltteilen (Rußland, New-York, Palästina) spielen läßt und es ganz natürlich findet, daß sämtliche Personen — das Spaßmacherpaar inbegriffen — an jedem dieser Orte auftauchen. Dieser Spaßmacher, in gerader Linie vom Clown und Harlekin abstammend, mit Jean Posset, Hans Wurst, Pickelhäring, Kasperl u. a. eng verwandt und doch eine Volksfigur von echtem Schrot und Korn, darf in keinem Stücke fehlen. Ihm fällt eine schwere Aufgabe zu: er hat nicht nur die hohen Herrschaften zu unterhalten, er muß auch für die Erhaltung des Humors eines verehrten Publikums unmittelbare Sorge tragen. Das mangelnde Selbstgefühl bewirkte es, daß der Spaßmacher immer Jude war. Wie seine Vorgänger *) Auf diese „Verballhornungen" komme ich noch im späteren Zusammenhang Betrachtung Gordins zurück. 37*