Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 554 (sequence 7)
- Language
- German
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554 Michael Weichert: gehalten zu werden. Als der genannte Tomaschewsky und ein gewisser Golubok nach vielen Vorbereitungen und Hindernissen durch öffentlichen Anschlag kundtaten, daß sie im Turn-Hall die erste jüdische Vorstellung, „Die Zauberin" von Goldfaden, geben würden, waren die Billets im Nu vergriffen. Viele Stunden vor Beginn der Vorstellung umlagerten Tausende von Menschen das Gebäude in der Hoffnung, auch ohne Billets den Zutritt zu erlangen. Da erschienen kurz vor Beginn einige Herren aus dem jüdischen Emigrationskomitee und forderten in einer wohlgeordneten Rede das Publikum auf, den Saal zu verlassen: das jüdische Theater sei „eine Beleidigung für das gesamte amerikanische Judentum" und sei geeignet, die armen Juden „in den Augen der Amerikaner zu Spott und Schande zu machen". In ihrer grenzenlosen Naivität in Theaterdingen glaubten die guten Männer, eine aufs höchste gespannte Menge zum Verlassen des Theaters bewegen zu können. Ihr Bemühen blieb selbstverständlich erfolglos. Da bestachen sie eine Schauspielerin, um im letzten Augenblick die .Vorstellung zu verhindern. Aber die gute Dame fand einen Ausweg. Sie steckte das Geld ein und sang nur ein Lied. Es dauerte sehr lange, bis sich aus den Emigranten einigermaßen eine eigene Intelligenz herausbildete (ein Prozeß, der noch heute nicht abgeschlossen ist). Inzwischen verfiel das Theater der Herrschaft des Pöbels. Es wiederholte sich das in der Geschichte des Theaters zur Genüge bekannte Schauspiel: sooft sich die intelligenten Kreise — aus welchen Gründen immer — von dem Theater abwenden, tritt eine Verrohung der Kunst ein, wird das Theater ein Tummelplatz niedrigster Belustigungen. So blieb der Mimus und die Pantomime beim gänzlichen Verfall der Kultur im beginnenden Mittelalter die einzige verzerrte Erinnerung an die Antike, so iieferten die strengen Maßnahmen des theaterfeindlichen Puritanismus die englischen Bühne des 17. Jahrhunderts einem liederlichen Wycherley aus. Sehen wir uns die Beschaffenheit des jüdischen Publikums näher an. Zunächst seine geistige Einstellung. Das Publikum des jüdischen Theaters unterscheidet sich durch seine Bildung von jedem anderen Publikum. Nicht nur durch den Grad der Bildung, sondern auch — was unvergleichlich wichtiger und für gewisse Dinge, z. B. für das Repertoire, von ausschlaggebender Bedeutung ist — durch ihre Art. Das nichtjüdische Publikum bringt eine einheitliche, sogenannte klassische Bildung mit. Die Elemente der antiken Kultur, durch die Renaissance und den Humanismus dem modernen Empfinden nähergerückt, bilden die Grundlage der westeuropäischen Weltanschauung. Aus diesen Quellen schöpfen die meisten Dichter, auf dieser Grundlage baut sich das moderne, aus der Renaissance hervorgegangene Theater auf. Für den Ostjuden, dem seine dreistufige Schule: Darduk-Cheder (Elementarschule), Cheder (Mittelschule), Jeschibah (Hochschule) durch viele Generationen hindurch eine ausschließliche biblisch-talmudische Bildung vermittelte, muß die Welt Shakespeares ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Bei seinen geringen historischen Kenntnissen, die in der Regel mit der Zerstörung des zweiten Tempels endigen, geht ihm ein Verständnis für das schier unübersehbare historische Repertoire der englischen und deutschen Bühne ab. Dieser Umstand wird bei der Beurteilung des Repertoires des jüdischen Theaters immer außer acht gelassen. Hier liegt der