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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 553

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
Date
1922-01-01
Page
553 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters 553 die Fachgenossen zur gemeinsamen Wahrung ihrer Berufsinteressen. Die sozialistischen und nationalen Organisationen heben das Klassenbewußtsein und die nationale Würde und wecken ein Interesse für die Vorgänge in der politischen Welt. Der jüdische Geist tritt aus seinem passiven, beschaulichen Dahindämmern heraus und greift aktiv ins Leben ein. Die Bevormundung der Kirche erträgt er nicht mehr. Er gewinnt andere Perspektiven. Es ist nicht mehr eine Sünde, ein Theater aufzusuchen. Der Arbeiter, der tagsüber in den engen Fabriksraum eingepfercht ist, sucht gern Unterhaltung, Erholung und Belehrung im Theater. Hinzu kommt, daß die verschiedenen Landsmannsvereine und Bruderschaften — deren Zahl bei der bekannten Zersplitterungssucht der Juden Legion ist — sei es um dem Theater aufzuhelfen, sei es um den eigenen Säckel zu füllen, einzelne Vorstellungen kauften und die Abnahme der Billets ihren Mitgliedern zwangsweise auferlegten. Auf sich selber gestellt konnte das Theater nur an drei Tagen der Woche spielen: Freitag, Sonnabend und Sonntag. Diese Institution, die Anklänge an die späteren deutschen „freien Bühnen" aufweist und jeden Ostjuden zu einem gemeinsamen Theaterbesuch anhielt, ermöglicht es den Bühnen, die ganze Woche durchzuspielen. New-York wird zum Zentrum aller national-kulturellen Bestrebungen. Ein nie versiegender Einwandererstrom führt ihm immer neue Kräfte zu. Es ist die Hauptstadt im theatralischen Sinn. Hier spielen zu mancher Spielzeit bis sechs ständige jüdische Theater; von hier bereisen Wandertruppen das ganze Land. Das Geburtsjahr der jüdischen Bühne in Amerika, etwa 1882 oder 83, als Boris Tomaschewsky den Arbeitstisch in einer Zigarettenfabrik mit den Brettern, die die Welt bedeuten, vertauschte, um mit seiner entzückenden Sopranstimme die schönsten Mädchen zu mimen, bedeutet einen neuen Merkstein in der Geschichte des jüdischen Theaters. Man müßte glauben, daß unter diesen besonders günstigen Umständen das jüdische Theater sich ein für allemal eine feste Grundlage geschaffen habe. Dem ist nicht so. Dem eingewanderten Publikum war das Theater nach jahrhundertelanger Enthaltsamkeit eine ungeahnte Welt. Hier durfte es sich frei und ungehemmt von religiösen Fesseln einmal nach Herzenslust austoben. Mit Heißhunger stürzt es sich auf die theatralischen Darbietungen und verschlingt gierig und wahllos alles, was ihm vorgesetzt wird. Was Wunder, daß es im Rausche der neuerrungenen Freiheit alle Mauern eingerannt, alle Grenzen gesprengt hat? Dieses Publikum brachte ja eine verblüffende Unwissenheit in Theaterdingen mit, einen Mangel an jeglichem Unterscheidungsvermögen, ihm fehlte eine feste, im generationenlangen Genießen und Werten verankerte Tradition. Das Publikum, — also auch die ausübenden Künstler: die Schauspieler und die Verfasser der Stücke. Es fehlte die starke Hand, die diesem wilden Aufbegehren eine Richtung gegeben hätte. Die Intelligenz stand abseits. Konnte man im Osten von einem Theaterpublikum im wirklichsten Sinne des Wortes nicht sprechen, so fehlte dem amerikanischen Publikum jener — an Zahl geringer — Einschlag, der aber dank seiner intellektuellen Überlegenheit die Führerschaft in Kulturdingen innehat. Niemand frug nach der geistigen Nahrung des Volkes. Für die Verbände der aus dem Westen Europas eingewanderten Bürger mosaischer Konfession hat es nie ein jüdisches Theater gegeben. Oder doch einmal. Eine höchst drollige Geschichte, die es verdient, für den künftigen Historiker fest- HeftS. 37

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