Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 552 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Michael Weichert: Hoftheater. So konnte der Weimarer Intendant Goethe sagen: Das Publikum ist es, das die Intendanzen tyrannisiert. Eduard Devrient, ein Intendant von hervorragenden Fähigkeiten, hat sich vergebens abgemüht, mit reichen Mitteln und ausgezeichnetem Schauspielermaterial das Hoftheater in Karlsruhe auf eine ansehnliche Höhe zu bringen, zur selben Zeit, die Heinrich Laube in Wien die größten Erfolge bescherte. Was schließlich auf die Bildung des Publikums im Osten hemmend gewirkt hat, war der Mangel eines Zentrums, einer Hauptstadt in theatralischem Sinne, wie es das elisabethanische London für England, Paris seit je für Frankreich war, wie es Berlin immer von neuem versucht für Deutschland zu werden und unter Iffland, L'Arronge, Brahm, Reinhardt zeitweise geworden ist. Laube hat es oft mit Nachdruck hervorgehoben, „daß als erste Bedingung für ein wirkungsvolles und einflußreiches theatralisches Wirken eine wirkliche Hauptstadt notwendig ist". Goldfadens Versuch, in Odessa, der dem türkisch-russischen Kriegsschauplatz, dem Geburtsort des jüdischen Theaters, am nächsten gelegenen Großstadt, festen Fuß zu fassen, mißglückte. Die infolge der Intrigen der Orthodoxie im Jahre 1883 erfolgte behördliche Schließung sämtlicher jüdischer Theater in Rußland schnitt fürs erste jede weitere Entwicklungsmöglichkeit ab. Als deutsches Theater fristete es noch ein kümmerliches Dasein in Russisch- Polen unter den schützenden Fittichen einer gerade nicht sehr wohlwollenden Zensur*). Warschaus Bedeutsamkeit im Kulturleben der östlichen Judenschaft datiert erst aus dem letzten Jahrzehnt; andere Großstädte Rußlands lagen außerhalb des Ansiedlungsrayons. In Rumänien waren die politischen Verhältnisse von vornherein jedem großstädtischen jüdischen Theater mißgünstig, in Galizien die Anziehungskraft des an Theatertradition reichen deutschen Wien und die ablehnende Haltung der Polen im Lande. Anders in Amerika zur Zeit des großen Einwandererstromes in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Jenseits des Ozeans beginnt die Nivellierung. Zunächst in Äußerlichkeiten. An Stelle der traditionellen langen Tracht des Ostjuden tritt die moderne, „deutsche" Kleidung. An das Anpassungsvermögen werden größere Ansprüche gestellt. Man will nicht als ,,Yold", „Greenhorn" gelten und schließt Kompromisse. Der „Schulchan Aruch" hört auf, die einzige Richtschnur im Leben zu sein. Die wirtschaftliche Umschichtung, die zunehmende Proletarisierung verwischt immer mehr die trennenden Standesunterschiede der östlichen Kleinstadt; die gerade für das Theater verhängnisvolle Exklusivität schwindet. Die Immigranten, auf dieselben Erwerbsmöglichkeiten als Händler und Arbeiter verwiesen, schließen sich enger zusammen. Die Sprache wirkt als mächtiger Faktor der Annäherung. Die kulturellen Bedürfnisse der Masse wachsen. Sie können nicht mehr im engen Rahmen der Synagoge (Schul) ihre Befriedigung finden. Es entstehen Zeitungen und Zeitschriften, die zu den nichtjüdischen Mitbürgern und den Juden in anderen Ländern Brücken schlagen. Eine eigene Literatur blüht auf. Große gewerkschaftliche Verbände vereinigen *) Die aufzuführenden Stücke mußten in deutscher Sprache, d. h. zumindest in deutscher Transkription eingereicht werden. Diese — um jeden Anstoß zu vermeiden — von geschickter Hand entsprechend zugestutzten und „verdeutschten" sogenannten „Zensurkes" sind der einzige schriftliche Niederschlag vieler Repertoirestücke.