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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 551

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
Date
1922-01-01
Page
551 (sequence 4)
Language
German
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Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters S5i gemeinschaft mußte auf dem starren Dogmatismus beharren und konnte nicht dem Volksspiel die Tore öffnen, wie es die katholische und dann die protestantische Kirche tat. Die vielgeschmähte Sittenlosigkeit, die das Theater mit sich bringen sollte — die bis nun als einziger Grund der ablehnenden Haltung gilt —, war dem tiefschauenden Gesetzgeber nur ein willkommener Vorwand. Wie sich die Kirche keineswegs auf die positiven Theaterverbote der Bibel (Leviten) und des Talmuds beschränkte, sondern zur Zeit der Entstehung des Theaters aktiv in den Kampf eingriff, den Bann gegen Schauspieler und Direktoren schleuderte, das bracchium saeculare anrief, sich sogar bis zu Denunziationen an die obersten Staatsbehörden verstieg, wie sich aber anderseits das Theaterspiel — dieser Begriff im weitesten Sinne gefaßt — langsam und beharrlich in den Gottesdienst eingeschlichen hat (Aufzüge, Chorgesang usw.), — dies nachzuweisen bleibt eine lockende Aufgabe des künftigen Historikers des jüdischen Theaters. Diese feindliche Haltung hatte zur Folge, daß jene Kreise, die unter dem Einfluß der Kirche standen, also die chassidischen und misnagdischen — wie sehr sie auch in sonstigen Fragen auseinandergehen mochten —, und mit ihnen der große Teil des Volkes jede Äußerung der theatralischen Kunst aufs heftigste bekämpften. Eine aus der fremdsprachigen Schule hervorgegangene dünne Oberschicht, die aber im Laufe der Jahre durch die zunehmende weltliche Bildung anwuchs, suchte ihr neu erwachtes Interesse bei fremdsprachigen — russischem oder polnischem — Theatern zu befriedigen und stand der primitiven Volkskunst des jüdischen Theaters, wie überhaupt der jüdischen Literatur, fremd gegenüber. Der Mittelstand, der im 19. Jahrhundert im übrigen Europa den Kern des Publikums bildete, blieb, sofern ihm nicht die religiösen Vorschriften von vornherein eine feindliche Haltung vorschrieben, gleichgültig. Bei seiner politischen Entrechtung und wirtschaftlich gedrückten Lage konnte er der neuen Kunst keinen Geschmack abgewinnen. Dem braven Bürgersmann war das Theater etwas Unernstes, ein „Purimspiel". Im späteren Verlauf der Entwicklung versuchten hie und da einige theaterfremde Nachzügler der Aufklärung (Haskalah) die Bühne als Laienkanzel zu gewinnen, und da der Versuch nach anfänglichem Gelingen — eben dank ihrer Unwissenheit in Theaterdingen — von keinem dauernden Erfolg begleitet war, blieben auch sie fern. So rekrutierte sich das Publikum — die Zuschauer und die Künstler — ausschließlich aus dem Handwerkerstande und jenen niederen Schichten des Volkes, die seit jeher keinem gaudium abhold waren. Was also diesem Publikum fehlte, ist jene Durchkreuzung und Mischung sämtlicher Schichten, die erst die Einheit: Theaterpublikum bildet. Das gegenseitige Durchdringen und Beeinflussen, das dafür sorgt, daß die einzelnen Kräfte sich im Gleichgewicht halten, daß sowohl die gröberen Effekte, wie die feineren Wirkungen einschlagen. Dieses Durchfluten muß aber erst im Zuschauerraum unter der zündenden Kraft des Schauspielerwortes vor sich gehen. Ist das Theater von vornherein auf eine Klasse angewiesen, so läßt sich eine gedeihliche Entwicklung nicht erhoffen. Es muß ja nicht gerade die niedrigste Schicht sein, die nach gröbsten Genüssen lechzt. Nicht besser verhält es sich mit einem Zuschauerkreis, der sich ausschließlich aus Hof- und Beamtenkreisen zusammensetzt. Daher der beengte Gesichtskreis und die dumpfe Atmosphäre manch kleiner

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