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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 549

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
Date
1922-01-01
Page
549 (sequence 2)
Language
German
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Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters 549 kann unabhängig von der Bühne als nationales Dichtwerk, als Buchdrama, bestehen und seinen Wert behaupten. Das Theater, unvergleichlich älteren Ursprungs als jede Dichtung (also auch das Drama), ist ein eigenartiges, soziales Gebilde, ein soziales Spiel, das seine Berechtigung in sich trägt, unabhängig von den Erzeugnissen der dramatischen Dichtkunst. Einem Urtrieb des Menschen, dem Spiel- und Nachahmungstrieb entsprungen, ist es aus der Gemeinschaft für die Gemeinschaft entstanden. Aus der Mitte der zu einem profanen oder Weihefestspiel Versammelten traten einige hervor und belustigten oder erschütterten die Übrigen durch Nachahmungen der Freunde, Feinde, Götter, Teufel. Die Formen dieser Kunst, bei aller Wesensgleichheit und dadurch bedingter Ähnlichkeit der Erscheinungen, verschieden bei verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten, sind ohne die geringsten Beziehungen zum Drama entstanden und vergangen. Das war das dramenlose Theater. Sein Entwicklungsgang, einer Wellenlinie gleichend, fällt nur in den seltensten Augenblicken — Herrmann nennt sie die Wunderstunden der Weltliteratur: die klassischen — bei kulturell hochstehenden Völkern und bedeutenden Epochen, mit der Linie des Dramas zusammen, um dann wieder für Jahrhunderte den eigenen Weg zu gehen. Äschylos-Sophokles, Shakespeare, Moliere, Schiller bezeichnen die Höhepunkte dieser Linie und zugleich die Berührungspunkte, an denen die vollständige Verbindung zwischen Drama und Theater für Augenblicke stattfand. Die Theaterkunst, als selbständige Kunst betrachtet, erzeugt ein selbständiges Kunstprodukt: die theatralische Aufführung. Sie umfaßt die Mitwirkung des Zuschauers, des Textverfassers — wenn die Entwicklung so weit gediehen ist, daß einer es unternimmt, die zu sprechenden Worte aufzuzeichnen — des Schauspielers, sofern sich aus der ursprünglichen Gemeinschaft ein berufsmäßiger Repräsentantenstand herausbildet, des musikalischen, des technischen und schließlich des in letzter Zeit in den Vordergrund getretenen künstlerischen Leiters, der die vielen Sonderkünste in eine einheitliche Leistung zusammenfaßt. Das Theaterstück bildet im modernen Theater einen integrierenden Bestandteil der Aufführung, ohne den eine Vorstellung heute wohl nicht mehr denkbar ist, obwohl die Zeiten nicht weit zurückliegen, in denen sich der Schauspieler vertragsmäßig bestätigen ließ, daß er zum Extemporieren nicht angehalten werden dürfe (in Wien noch 1760). Will man daher einem Theaterstück gerecht werden, darf man nur einen einzigen Maßstab anlegen; Welche Bedeutung hatte es für das Theater seiner Zeit? Welche Richtung gab es der theatralischen Kunst? Welche Wirkungen löste seine Aufführung aus? Für diese Erzeugnisse ist das Theater die höchste, inappellable Instanz. Sie dürfen nur nach seinen Gesetzen gerichtet werden. Es ist hier nicht der Ort, diesen Gesetzen in ihrem historischen Werden auf den oft verworrenen Wegen nachzugehen. Aber so viel sei gesagt: es gibt Gesetze der Bühne, die uns nach unseren unvollkommenen Begriffen zeitlos erscheinen wollen, und solche, die durch die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen Verhältnisse eines Volkes bedingt, aus einer Zeitepoche geboren, nur für sie Geltung haben — ein wertvoller Beitrag zur Kulturgeschichte eines Zeitalters und zugleich aus ihr schöpfend; Quelle und Mündung zugleich. Wie überhaupt diese Art der Behandlung aus der Literaturgeschichte ausscheidet

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