Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 548

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Zur Entwicklungsgeschichte des jüdischen Theaters
Date
1922-01-01
Page
548 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101133-3102619--1941-3102691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

548 Michael Weichert: ZUR ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DES JÜDISCHEN THEATERS*) Ich habe nur einen einzigen Gesichtspunkt, aus welchem ich ein theatralisches Werk beurteile, nämlich die Vorstellung. Ich traue weder meiner Empfindung, noch meiner Kritik anders, als vor dem Theater. G. E. Lessing: Brief vom 25. Okt. 1772. Es soll hier nicht ein Literarhistoriker über das jüdische Theater zu Gericht sitzen. Nicht auf die dichterischen Qualitäten hin werden hier die theatralischen Gebilde der jüdischen Bühne untersucht. Wiewohl eine rein literarische Betrachtung an und für sich von Reiz für den Literarkritiker ist, bleibt sie auf den engen Kreis eines literarisch orientierten Publikums beschränkt. Das Theater, als ein öffentliches, soziales Institut beansprucht die Anteilnahme der Allgemeinheit. Viel entscheidender aber für die Wahl der Einstellung mußte der Umstand wirken, daß eine literarische Betrachtung dieser ausgesprochenen theatralischen Schöpfungen — eine Betrachtung, deren Ergebnisse überdies negativ ausfallen würden — sich als unzulänglich und unfruchtbar erweist. Die Kritik eines vorliegenden Theatertextes, ohne die lebendige Wirkung vergegenwärtigen zu können, die von einem Bühnenwerk ausgegangen ist, führt notwendigerweise zu einer schiefen Beurteilung jener Leistung, die sich eben in der Aufführung offenbart. Es gibt heute trotz Lessings Erkenntnis — in Deutschland so wenig wie irgendwo anders — eine Kritik der theatralischen Aufführung, gesondert von der des geschriebenen Dichtwerkes**). Die Verquickung dieser zwei, ihrem Wesen sowohl als ihrer Entstehung nach ganz verschiedenen Begriffe hat eine heillose Verwirrung angestiftet. Es ist vor allem nötig, diese Begriffe reinlich voneinander zu scheiden. Drama ist der Schöpfungsakt eines Einzelnen. Für seine Betrachtung bleiben — bei aller Würdigung der durch die dramatische Form bedingten Besonderheiten — die ästhetischen Erfahrungen und Methoden maßgebend, die auch für die anderen Gattungen der Poesie angewendet werden. Geschichtlich stellt sich das Werden des Dramas derart dar, daß das nationale Epos auf einer gewissen Stufe reif wird, die dramatische Form anzunehmen. Zunächst kommt für das Drama als solches die Aufführung gar nicht in Betracht. Es *) Der vorliegende Aufsatz leitet eine Reihe von Einzeldarstellungen ein und ist der erste Teil ainer Studie, deren zweiter Teil sich mit Jakob Gordin befaßt. Ein dritter Aufsatz soll Abraham Goldfaden gewidmet sein. Diese Arbeiten versuchen im Gegensatz zu der bislang üblichen literarhistorischen Methode der Materie einen neuen Aspekt abzugewinnen. Sie sind bei allem Anspruch auf wissenschaftliche Geltung theaterpsychologische Studien und wollen nicht als endgültige Ergebnisse exakter historischer Forschungen gelten. Der völlige Mangel an Material, an irgendwelchen nennenswerten Vorarbeiten und Einzeldarstellungen steht jeder zusammenfassenden, abschließenden Darstellung hindernd im Wege. Solange nicht eine Theaterphilologie für Sammlung, Sichtung und Ordnung der Materialien gesorgt haben wird, muß jede Arbeit auf diesem Gebiete ein mehr oder minder brauchbarer psychologischer Beitrag zur Geschichte des Theaters bleiben. **) Die wissenschaftliche Behandlung des Theaters, unabhängig vom Drama hat in Deutschland der Berliner Theaterhistoriker Prof. Max Herrmann angebahnt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.