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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 546

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Luther und die Juden
Date
1922-01-01
Page
546 (sequence 3)
Language
German
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546 Samuel Krauss: kabbalistisch-phrasenhaften Manier aus gewissen Schriftversen die frohe Botschaft herauslas, daß mit der Ankunft Martins die Macht des Papstes zu Rom gebrochen werde und damit für das verfolgte Judentum eine bessere, eine schönere, sagen wir's heraus: die messianische Zeit anbreche. Bedeutend später, fast in unseren Tagen erst, schrieb darüber der evangelische Pastor und Missionar J. F. A. de le Roi: „Aber ihre Verwunderung kam durchaus nicht daher, daß sie sich etwa, wie so große Scharen der Christen, auch im Kerzen und Gewissen von dem mächtigen Schriftzeugnisse Luthers getroffen gefühlt hätten, sondern bezog sich vielmehr darauf, daß es ein römischer Christ gewagt hatte, gegen die päpstliche Geistesknechtung aufzustehen." Diese Klarheit hatte aber Luther von dem Verhalten der Juden gewiß nicht gewonnen, sonst hätte er das Faktum nicht so wohlgefällig aufgenommen, sonst hätte er an die Bekehrung der Juden nicht so sanguinische Hoffnung geknüpft, sonst hätte er sie, als er sich in seiner Hoffnung betrogen sah, nicht mit solch bitterem, ja leidenschaftlichem Hasse verfolgt. Der große Theologe und Reformator war offenbar ein schlechter Politiker. Um diesen Satz zu erhärten, ist es nicht nötig, darauf zu verweisen, daß er mit seinem vehementen Appell an die deutschen Fürsten, die Juden ihrer Bereiche zu Sklaven herabzudrücken, praktisch keinen Erfolg hatte, weil eben die Lebensnotwendigkeiten etwas anderes diktierten, als die zu Wittenberg ausgedachten frommen Theorien, sondern schon sein weit früherer Bekehrungseifer gegenüber den Juden war ein politischer Mißgriff. Mußte er sich nicht sagen, daß ihm tausend Gewalten und tausend Interessen entgegenarbeiten? Konnten es z. B. die Katholischen dulden, daß ihm, Luther, etwas gelinge, was seit fünfzehnhundert Jahren der ganzen auf die Juden losgelassenen Macht des Papsttums nicht gelang? Und wie verkannte Luther die wirkliche Macht der angestammten Religion! Fast in seine Tage fällt der Versuch, die griechisch-katholische Welt mit der römischkatholischen auszugleichen: ist es gelungen? Und was mußte er selbst erleben! Seine Lehre wurde hundertfach angefeindet, auch von solchen, die einer Reformation der Kirche an und für sich freudig beistimmten und die auch die neue evangelische Richtung für richtig erkannten; aber hat ein Calvin, ein Zwingli sich je mit ihm aussöhnen können? Und wie sind doch diese Gegensätze so leicht gegen das, was das Judentum vom Christentum trennt. Wie konnte also Luther, wohl durchdacht, an ein Aufgehen des Judentums im Christentum glauben? Wir wiederholen es: viel politischen Sinn bekundet das nicht. Hingegen muß es der tiefen religiösen Überzeugung Luthers zugute geschrieben werden, daß er von der Kraft seiner Schriftauslegung, seiner Evangelien und seiner Predigten sogar dieses Wunder erhoffte. Mehr als Schwärmerei ist auch das nicht, denn Evangelien und Predigten — was sollten sie für die Juden zu bedeuten haben? Und die Schriftauslegung? Nun, für die Juden hatte auch sie nichts zu sagen, und Luther selbst bekennt mehr als einmal, daß er mit dem Hebräischen nur schwach vertraut sei. Eine herrische Natur, wie es Luther war, kümmert sich wenig um Logik. Der Strom des Wortes floß aus ihm, und er wäre in Verlegenheit gekommen, wenn man ein jedes seiner Worte auf die Wagschale gelegt hätte. Uns wenigstens scheint Luther von Gegensätzen und Widersprüchen nicht frei zu sein, wie schon sein Verhältnis zur Kenntnis des Hebräischen beweist. Aber wir gehen weiter und betrachten einen Punkt, der praktischer Art ist. Es wird gewiß jedermann

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