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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 547

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Luther und die Juden
Date
1922-01-01
Page
547 (sequence 4)
Language
German
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Luther und die Juden 547 interessieren, wie Luther über die Rückkehr der Juden nach Palästina urteilte. In zwei Predigten des Jahres 1539 streift er die Frage; ausgehend davon, daß die Bekehrung der Juden schließlich doch erfolgen werde, betont er, daß die Bekehrung im Glauben an Christus geschehen müsse, was er früher, wie wir schon angedeutet haben, noch nicht für möglich hielt, und zweitens, daß aus der Rückkehr der Juden nach Palästina nichts werden könne. Ist das logisch? Wenn ein Israel nach dem Herzen Luthers entstünde, warum sollte es nach Palästina nicht zurückkehren dürfen? Wäre nicht erst dann die biblische Verheißungvoll geworden, die ja für Luther die Hauptsache ist? Wir nehmen es ihm nicht übel, wenn er, bei anderer Gelegenheit, in seinem Unmut ausruft: „Was seufzen sie ob ihrer Gefangenschaft (recte: galuth)? Wir wollen sie gern loswerden und sie nach Jerusalem zurückwünschen, von wannen sie niemand geholt hat." Das sind demagogisch gesprochene Worte, die man von vornherein nicht ernst nimmt. Demagogisch — ja, das konnte Luther sein im weitesten Maße. War sein Glaube tief und unermeßlich, so war auch sein Haß unergründlich. Wehe denen, die er mit seinem Haß verfolgte; ihnen ward keine Schonung, kein Mitgefühl. Den Juden erst recht nicht, waren sie doch Gottesmörder, Feinde des Christentums. Die beiden Lutherschen Werke: „Von den Juden und ihren Lügen" und „Vom Schern Hamphoras", beides 1543 erschienen, stellen das ärgste dar, was jemals von feindlicher Seite gegen die Juden gesagt und geschrieben wurde. Dem Gottesmanne ist da keine Lüge zu niedrig, keine Invektive zu scharf, kein Spott zu grob, um gegen die Juden geschleudert zu werden. Er, von dem seine Zeitgenossen bezeugten, daß er „die deutsche Sprache wieder recht herfür gebracht, recht Deutsch schreiben und reden" gelehrt habe, er, vorbildlich an Feinheit, Kraft und Fülle des Ausdrucks — hier ist er pöbelhaft roh in seinen Ausdrücken. Wie sagen doch die jüdischen Weisen? „Der Haß verdirbt die gezogene Linie." Luther stellt sich auch damit in eine Reihe mit den schlimmsten Judenfeinden, daß er seine gegen die Juden gerichteten Beschuldigungen zu gutem Teile Täuflingen nachschreibt, wo er doch hätte wissen sollen, daß diese keinen Glauben verdienen. Der „Dialog" des Paulus von Burgos (1350—1435) un(* des Antonius Margarita „Der gantz Jüdisch glaub" (1530) dienen ihm als Quelle; dafür beileibe nicht die so sehr verhaßten und geschmähten Rabbiner, denen man kein Wort der Exegese nachschreiben dürfe, auch wenn sie augenscheinlich das Richtige treffen. Christliche Erklärer, wie z. B. Nikolaus da Lyra, der die besten Perlen seiner Exegese eben den Rabbinern zu verdanken hat, finden keine Gnade vor seinen Augen. Sieht das nicht wie ein Boykott aus — ins Literarische übertragen? Wer weiß: vielleicht hätte er am Ende auch noch das Alte Testament verstoßen! Seine Jünger, die es nach vierhundert Jahren tun und taten, sind und waren so inkonsequent nicht. Und dennoch: die Grundsätze, die er zu Beginn seiner Laufbahn in alle Welt eingeführt hat und die auch reiner und gerechter waren als die von Haß und Bitterkeit verzerrten Aufstellungen seines Alters, Grundsätze der Aufklärung und der freien Entfaltung des menschlichen Geistes, darunter auch die Forderung, daß den Juden weder geistig noch leiblich ein Zwang angetan werden dürfe, erwiesen sich als gewaltige Faktoren der Folgezeit, die selbst durch Luthers eigene Fehler nicht mehr zu bannen waren. Wien Prof- Samuel Krauss

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