Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Luther und die Juden
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 545 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Luther und die Juden 545 Woher doch der große, unbändige Haß Luthers gegen die Juden? Ein frommer, salbungsvoller Darsteller meint, übrigens mit Recht, daß also sein Verhalten gegen sie keineswegs „aus einem bloß fleischlichen Zorne" „oder aus seiner Leidenschaftlichkeit" hergeleitet werden könne; dieser Zorn habe tiefere Gründe und liege rein auf religiösem Gebiete. Bei einer so impulsiven Natur wie Luther ist es zwar schwer, Persönliches und Sachliches voneinander zu scheiden, zumal nach den Begebenheiten, die wir angedeutet haben, aber wir wollen uns recht gern auf den Standpunkt der religiösen Motive stellen, weil wir uns lieber in der Vorstellung eines großen als eines kleinen Luther bewegen möchten. Unsere modernen Antisemiten, von niedrigen, eigennützigen Instinkten geleitet, können freilich auch einen Luther, den sie so gern als ihren Apostel ausgeben, nicht anders, als von denselben Gefühlen beseelt sich denken. Mit ihnen, den Vernunftgründen so schwer Zugänglichen, wollen wir nicht rechten. Aber Luther selbst, mit seinen tiefernsten Erwägungen und ungemein starken Überzeugungen, müssen wir ins Unrecht setzen. Wie konnte er sich dem Wahn hingeben, die Juden würden ihn als den neuen Himmelsboten anerkennen? War er es nicht gerade, und sind es nicht die Evangelischen bis auf den heutigen Tag, die die Geltung der alten Bibel so sehr betonten, so sehr verfochten? Luther wußte sehr wohl, daß es einem denkenden Juden fast unmöglich ist, sich auf seinen Glauben einzuschwören, und so empfiehlt er, daß man den neu zu bekehrenden Juden — die Hoffnung auf solche hat er nämlich nie aufgegeben — die Predigt auf die Gottessohnschaft Jesu einstweilen erlasse und nur von seinen menschlichen Tugenden spreche. Das Rezept wollte auch so nicht verfangen und verfängt, wo es befolgt wird, auch heute nicht. Ein schöner Zug bloß ist es an Luther, daß er geistig und körperlich keinen Zwang angewendet wissen wollte. Die Juden waren schon damals in ihrem Talmudismus so verbohrt nicht, wie es ihnen Luther vorwirft und seine Nachtreter noch heute vorwerfen. Ist's nicht genug an der einen Tatsache, daß sie von Luther und seiner Reformation, die doch ausschließlich eine innerkirchliche Sache war, überhaupt Kenntnis hatten und Kenntnis nahmen? Freilich mußten sie sich sagen: nostra res agitur. Bei all dem ging's ja, wie namentlich die Folge zeigt, auch um die Haut der Juden. Zudem war man dort durch den Pfefferkorn-Reuchlinschen Streit, der sich nur um ein Jahrzehnt früher abgespielt hatte, an die neuartige theologische Richtung gewöhnt worden. Aber auch so ist es geradezu erstaunlich — was uns Prediger C. Güttel zu Eisleben im Jahre 1529 berichtet —, „daß etliche Schriften Luthers zu Jerusalem wären öffentlich gekauft und von den Juden mit Verwunderung gelesen worden". Luther, der dieses Faktum in einem seiner Tischgespräche später nicht ohne Selbstgefälligkeit erwähnt, hat sich in „seinen" Juden schwerlich so weit getäuscht, daß er auf das hin bei ihnen ein theologisches Verständnis für seine Bestrebungen erwartet hätte; für ihn war das Ganze bloß ein literarischer oder, wenn man will, ein buchhändlerischer Erfolg; er war für solche Eitelkeiten oder Kleinigkeiten des Lebens nicht unempfänglich. Aber für uns eröffnet sich daraus eine höhere Perspektive: wie dachten die zeitgenössischen Juden über Luthers Auftreten? Ihre wahre Stimmung angesichts der gewaltigen Vorgänge, deren Tragweite sie wahrscheinlich so wenig wie ihre übrigen Zeitgenossen erfassen konnten, drückt sich wohl in jener interessanten Bucheinzeichnung eines italienischen Juden aus, der in der damals üblichen