Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Ein Weg zur jüdischen Gemeinschaft
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 542 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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542 Oskar Epstein: gleichwertigen Trieben zu treffen, als beim Nichtjuden, bei dem beide Triebe schwächer sind und sich infolgedessen leichter den gegebenen Verhältnissen einfügen. Wer freilich auch nur etwas Einblick in die rätseldurchwirkten Gesetze menschlichen Seelenlebens hat, der wird wissen, daß auch in diesem Widerstreite die Gottheit sich gerade unter gewaltigem Blitz und Donner offenbart, also dort, wo der Ausgleich am schwersten zu treffen ist. Es gilt also in erster Linie das tiefe, triebmäßige Betätigungsbedürfnis zu stärken. Zweierlei wirkt dem entgegen. Das eine ist die veränderte Stellung der Frau in der Familie. Es wäre wohl das Gesunde und Natürliche, daß sie in ihrer grundverschiedenen Art einen besonderen aber gleich großen Teil zur Durchführung des gemeinsamen Lebens beitrüge. Das ist zunächst dadurch unmöglich geworden, daß die ursprünglichen Betätigungsgebiete der Frau durch die fortschreitende Arbeitsteilung immer mehr aus der Familie hinausverlegt wurden. Als man nicht mehr zu Hause spann und webte, hörte man immer mehr auf, die Kleider zu Hause zu verfertigen usw., und bald mußte sich auch die Geselligkeit in Gast- und Kaffeehäuser flüchten. Wer da glaubt, die Zeiten zurückschrauben zu können, der irrt sich. Schon bahnt sich der Erhaltungstrieb des Menschen gewaltsam neue Wege. Aber in ihrer jetzigen Art können es unsere Wege gewiß nicht sein. Ich meine da die Einführung der Frau in die Männerberufe. Denn diese Entwicklung würde dazu führen, auch diesen letzten Rest zweckentrückten Lebens zum unermeßlichen Schaden aller zu beseitigen. Trotzdem wird auch jeder, der, wie ich, nicht an die segnende Kraft umstürzender Neuerungen glaubt, in diesem Streben einen gesunden Kern erblicken. Nur würde es sich darum handeln, das Berufsleben der Frau vor den seelentötenden Wirkungen des Männlichen zu bewahren. Zu diesem Zwecke wäre es notwendig, bei der Auswahl der Frauenberufe die besondere Art des weiblichen Wesens zu berücksichtigen. Außerdem müßte man nach Möglichkeit anstreben, der Frau neben ihren Berufsleben eine teilweise Betätigung im Hauswesen zu ermöglichen. Voraussetzung dazu wären möglichst viele Berufsbetätigungen mit halbtätiger Verwendung, und andrerseits müßte dafür gesorgt werden, daß auch die durch die Berufsbetätigung entstandene Lücke im Hauswesen zweckentsprechender als jetzt durch wirklich geeignete Hilfskräfte ausgefüllt werden könnte. Gerade dadurch würden viele dem weiblichen Wesen angepaßte Betätigungsfelder geschaffen. Durch Zusammenziehung (gute Gemeinschaftsküchen, gute und verschiedenen Bedürfnissen angepaßte Kindergärten u. ä.) könnten die Kosten so weit herabgesetzt werden, daß nach ihrem Abzüge von dem Verdienste einer entsprechend vorgebildeten und tüchtigen Frau genug bliebe, um es auch dem Manne möglich zu machen, seine Arbeit in nicht so hohem Grade wie jetzt in den Dienst des Erwerbs zu stellen. Die tiefer liegende Ursache des geschlechtlichen Elends liegt freilich in der gesamten kapitalistischen Entwicklung unserer Zeit. Damit ist auch gesagt, daß die angeführten Betrebungen nichts weniger als die Lösung bringen können. Sie können sie aber anbahnen. Und wir brauchen heute vor allem einen Anfang. Wir brauchen ihn schon deshalb, damit nicht weiter unsere jungen Menschen in ihrer überwiegenden Mehrheit vergehen und verdorren, die doch die ganze Hoffnung einer Gemeinschaft sein müssen, die weder Boden noch Geschütze besitzt. Hier wird die Bedeutung des alten Wortes klar: „Lo bekoach