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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 8 · p. 541

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Ein Weg zur jüdischen Gemeinschaft
Date
1917-01-01
Page
541 (sequence 3)
Language
German
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Ein Weg zur jüdischen Gemeinschaft 541 Euopäer sind, in geschlechtlicher Beziehung können wir nicht Europäer werden, ohne den Kern unseres Wesens preiszugeben. Wir müssen Verhältnisse schaffen, welche es in der Regel jedem Juden und jeder Jüdin ermöglichen, weder ihre Geschlechtsbeziehungen noch ihr übriges Leben der Zweckhaftigkeit unterzuordnen. Daß sich diese Aufgabe mit Naturnotwendigkeit aus der angedeuteten Stellung des Juden zu den Geschlechtsbeziehungen ergibt, dürfte ein Zurückblicken auf die eingangs mitgeteilten Äußerungen meines nichtjüdischen Bekannten zeigen, die eine Auffassung verraten, deren hohen Wert für die praktischen Notwendigkeiten des Lebens man nicht übersehen sollte. Wenn der so denkende Nichtjude z. B. eine in Zweckhaftigkeit befangene Ehe eingeht, so opfert er zwar den Zauber eines innigen Familienlebens, aber außerhalb der Familie kann sich seine Seele an hohem, zweckentrücktem Streben entschädigen. Beim Juden ist in der Regel die Einheit der gesamten Lebensgestaltung zu stark, um das zu können. Wenn der Nichtjude durch eine zweckentrückte Wahl seiner Lebensgefährtin sich dafür im übrigen der Zweckhaftigkeit verschreiben muß, wie das jetzt leider in der Regel notwendig ist, so bleibt ihm doch in der Familie ein zweckentrücktes Plätzchen, an dem seine Seele halbwegs genesen kann. Der Jude wird diese Scheidung der Welten ebensowenig mitzumachen imstande sein wie die eingangs erwähnte. Wir wollen nicht von der erdrückend großen Zahl derjenigen reden, deren Leben da und dort ganz der Zweckmäßigkeit verfallen ist. Auf den wenigen, bei denen es noch nicht der Fall ist, beruht unsere Hoffnung. Diese aber können in der Familie nicht ihr wahres Leben führen, wenn sie es nicht auch außerhalb der Familie tun. Und sie können außerhalb der Familie nicht ihr wahres Leben führen, wenn sie es nicht auch in ihr tun. Unser Europäertum stellt also in sachlicher, zweckbesessener Einfügung einen circulus vitiosus fest. Unserem jüdischen Herzen aber — und ihm sollen wir folgen! — dröhnt aus allen Freuden und Schmerzen das alte jüdische Wort entgegen: Eins tut not. Nicht Einzelne können es schaffen, dieses Eine. Im Zusammenschluß zu diesem Werk muß die jüdische Gemeinschaft entstehen, die in die Zukunft weist. Die wenigen Einzelnen, von denen die Rede war, können nur tastend vorangehen. Das schmälert ihr Verdienst nicht, aber ohne die nachfolgende Gemeinschaft würden sie nichts für die Zukunft bedeuten. Praktisch genommen liegen demnach die Schwerpunkte für die Gesundung des. geschlechtlichen Lebens in der Familie selbst und im Beruf. Denn in diesem spiegelt sich die verhängnisvolle Verkettung, die in unserer Zeit zwischen dem Erhaltungs- und dem Betätigungsbedürfnis besteht und die vor allem die männliche Tatfreiheit aufhebt. Das Erhaltungsbedürfnis wird natürlich durch die Begründung einer Familie viel gewaltiger und ursprünglicher. Daher die Gefahr, den Beruf ganz in den Dienst des Erhaltungstriebes zu stellen. Nun ist aber gerade das Betätigungsbedürfnis bloß dann die Quelle alles Göttlichen im Menschen, wenn es dem Erhaltungsbedürfnis nicht Untertan ist. Jeder weiß, wie gerade bei uns Juden der Erhaltungstrieb von ungeheurer Wucht ist. Wer das nicht mehr gewußt hat, dem haben wohl die ostjüdischen Flüchtlingsströme in diesem Weltkriege die Augen geöffnet. Daher kann natürlich die Unterjochung der Betätigungskraft durch das Erhaltungsbedürfnis entsetzlich sein, und es wird weit schwieriger sein, einen Ausgleich zwischen den beiden so un-

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