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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 8 · p. 540

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Ein Weg zur jüdischen Gemeinschaft
Date
1917-01-01
Page
540 (sequence 2)
Language
German
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540 Oskar Epstein: so müßten wir sagen: Das Ziel des jüdischen Wesens ist unvergleichlich größer als das des nichtjüdischen. Die Wirklichkeit des jüdischen Wesens ist dagegen um ebenso viel erbärmlicher als die des nichtjüdischen, das in dem eingangs angeführten Gespräche, wie wohl klar ist, nur vsn seiner negativen Seite gezeigt wurde. Welche Unterschiede finden sich doch zwischen dem durchschnittlichen Geschlechtsempfinden des Juden und dem des Nichtjuden! Empfindet der Nichtjude die geheimnisvolle Anziehung zwischen den Geschlechtern als schlechthin gegebene Wirklichkeit, in die er sich entsprechend seinem größeren oder kleineren Wesen verschiedenartig, aber immer doch einfügt, so hat der Jude den Drang in sich, ihre Beziehungen zur übrigen Wirklichkeit zu gestalten. Rastlos bohrt im Juden das bezeichnende Warum, das die Zeit der rationalistischen Assimilation fälschlich mit dem Warum des deutschen Rationalismus verwechselt hat. Denn die Richtung jener jüdischen Frage geht nicht auf den Verstand, sondern auf die Tat. In der Vereinzelung nun ist die Tat des Juden negativ. Er fragt sich z. B. oft: warum soll mein ganzes Leben von allen Seiten beengt werden, weil es mich aus unbegreiflichen Gründen gerade zu dieser Frau zieht, die mir bei einem Zusammenleben den Lebensspielraum einengen müßte? Und man geht auseinander; aber nicht sich einfügend, sondern voll Bitterkeit und Gott verleugnend. Das ist dann seine „Tat". Und jeder solche Fall bringt Tausende dazu, daß sie alle Liebesfähigkeit im vorhinein ersticken, um derselben Verzweiflung auszuweichen, sei es nun in sich oder in den Menschen, die sie lieb haben und denen sie das Schreckliche ersparen wollen. Eine kleinere Zahl ersäuft das jüdische Warum im geschlechtlichen Rausch mit einer sonst recht fernstehenden Frau, der wie Liebe aussieht, und man freut sich dann, daß es „auch bei uns Juden wirkliche Liebe gebe". Nebenbei sind Nichtjüdinnen geeignetere „Objekte" dafür, und es ist hier die Wurzel so mancher Mischehe zu finden. Noch geringer ist die Zahl derjenigen, die sich scheinbar in die nichtjüdische Art des Erlebens einfügen. Als Ausnahmen, die die Regel bestätigen, sind aber diejenigen aufzufassen, welche unter unmenschlichen Anstrengungen das durchführen, was die Sache der ganzen jüdischen Gemeinschaft wäre. Sie wollen den Drang des Juden zur befreienden Tat bezüglich der Geschlechtergemeinschaft schöpferisch machen. Daß sie da der besten jüdischen Überlieferung folgen, zeigt das tiefsinnige Buchstabenspiel, das nach Wegnahme von „iT»" (Gott) zwischen „WK" (Mann) und „ntPK" (Weib) „m" (Feuer) entstehen läßt. Der Gegensatz zu Gott, der uns ja bezeichnenderweise El (Ziel) heißt, ist, wie Buber uns klargemacht hat, die Zweckhaftigkeit. Europa hat sich durch die doppelte Moral vor der Gefahr errettet, in geschlechtlicher Beziehung ganz der Zweckhaftigkeit anheimzufallen. Hier Heiligkeit der Ehe, dort Hurenwesen, „Verhältnisse" u. ä. Man fügt sich also ein und schafft feste Ordnungen, die überall ein Stückchen Zweckentrücktheit sichern. Heiligkeit des weiblichen Menschentums in der Ehe, Heiligkeit der männlichen Tatfreiheit außerhalb ihrer. Unser Weg kann das nicht sein. Das jüdische Warum verlangt unabweisbar ein Entweder-Oder. Wir brauchen die männliche Tatfreiheit auch in der Ehe, und die Heiligkeit des weiblichen Menschentums muß unter allen Umständen gewahrt bleiben. So sehr ich mich immer aller Hinweise darauf freue, daß wir nicht nur Juden mit allen Spuren jüdischer Einzigartigkeit, sondern ebenso

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