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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 8 · p. 539

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Ein Weg zur jüdischen Gemeinschaft
Date
1917-01-01
Page
539 (sequence 1)
Language
German
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Oskar Epstein: Ein Weg zur jüdischen Gemeinschaft 539 EIN WEG ZUR JÜDISCHEN GEMEINSCHAFT br kurzer Zeit sprach ich mit einem mir bekannten nichtjüdischen Schul- V manne über den Tiefstand der geschlechtlichen Sittlichkeit Ich äußerte u. a. die Ansicht, der Kernpunkt des Elends sei der falsche Schein, der hier eine noch größere Rolle spiele als anderswo. Mein Bekannter meinte, eine Verlogenheit in dieser Hinsicht werde wohl ziemlich selten sein, wenn sie aber auftrete, sei sie aufs schärfste zu verwerfen. Da wunderte ich mich über zweierlei: Wie konnte man zunächst so blind sein, die Fälle der Verlogenheit in Sachen der geschlechtlichen Sittlichkeit für selten anzusehen? Aber auch darüber war ich erstaunt, daß mein Bekannter so entschieden verurteilte. Hatte ich doch sonst in unserer Zeit außer in unpersönlichen Aufsätzen kaum eine ernste Entrüstung über diese Schande der Menschheit entdecken können. Bald darauf gab es eine Veranstaltung, der auch Schüler beiwohnten, und bei der im „heiteren Teil*' ein Humor von der zahmeren Art sogenannter Herrenlektüre zum besten gegeben wurde. Mein Bekannter war außer sich, er konnte die darauffolgende Nacht nicht schlafen. Um seine Entrüstung zu erklären, meinte er: „Ich höre selber hie und da solche Dinge gern, aber man muß wissen, in welcher Umgebung man es tut!" Da mein Bekannter ein ungewöhnlich aufrichtiger Mann ist, wurde mir klar, daß wir bei unserem vorigen Gespräch einander nicht verstanden hatten. Ich hatte unter Verlogenheit Fälle angenommen, wie ein solcher in der angeführten Rede des Herrn zutage lag. Für ihn wäre die Verlogenheit offenbar dann gegeben gewesen, wenn er sich etwa gegen das Vorlesen sittlich anstößiger Stücke vor der Schuljugend ausgesprochen und, wenn unbeobachtet, ihr Vorlesen vor der Schuljugend doch geduldet hätte. Ein solches Vorgehen hätte er wirklich streng verurteilt, und er hatte auch damit recht, daß hier ein häufiger Fall nicht vorläge. An solchen Verständigungsschwierigkeiten tritt, wenn man näher zusieht, der Gegensatz zwischen jüdischem und nichtjüdischem Wesen klar zutage. Nichts ist naheliegender und berechtigter, als ihn der Unterscheidung Bubers zwischen dem motorischen und dem sensorischen Menschen gleichzustellen. Denn vor allem will ich den Juden nicht als den sittlich Höherstehenden hinstellen, wohl aber behaupten, daß sein sittliches Empfinden ganz anderer Art ist als das des Nichtjuden. Die mittelhochdeutsche mäze, das französische comme il faut usw. sind Begriffe, die eben den Kern nichtjüdischer Sittlichkeit treffen, denen aber im jüdischen Empfinden nichts entspricht. Natürlich ist da immer vom typischen sittlichen Empfinden des Juden und Nichtjuden die Rede. Der sensorische Nichtjude will die Wirklichkeit, auch die des zwischenmenschlichen Lebens aufnehmen, wie sie ist, und sich ihr einfügen. Er nimmt Widersprüche im Verhalten; eines und desselben Menschen ruhig hin, sobald sie einmal konventionell geworden sind. Der motorische Jude will die Welt nach den Forderungen seiner Gerechtigkeit gestalten. Jeder Widerspruch im Einzelleben wirkt auf ihn wie ein Aufruf zur Tat, zur guten oder bösen Tat, je nach den Strömungen, die gerade das Leben der jüdischen Gemeinschaft bestimmen, in geringerem Maße auch nach seiner Eigenkraft. Ist er zu schwach dazu, so sucht er sich sehr oft zu betäuben, wie es die größte Zahl der Westjuden tut, oder er erklärt verzweifelt die Welt für sinnlos, wie manche der besten unter ihnen. Wollen wir also doch werten, 36*

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