Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 537

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
Date
1921-01-01
Page
537 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101133-3102616--1926-3102680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien 537 schaftliche Lage des jüdischen Handels nachteilig eingewirkt. Hart betroffen wurde — wie die städtische Bevölkerung überhaupt — insbesondere die in derselben zahlreich vertretene jüdische Handelsschicht von der im Jahre 1912 während des Balkankrieges infolge der drohenden kriegerischen Verwicklungen der Monarchie mit Rußland eingetretenen Kreditkrise, von der plötzlichen Entziehung oder Einschränkung des Bankkredits in Galizien. Der gegenwärtige Krieg hat gleich bei seinem Ausbruch in das Erwerbsleben der Bevölkerung Galiziens, als des unmittelbar den kriegerischen Operationen ausgesetzten Grenzlandes, namentlich aber in Handel und Verkehr, in die von der jüdischen Bevölkerung ausgeübten Berufe tief eingreifen müssen. Bald sah sich die Regierung auch vor die Notwendigkeit gestellt, im Interesse der Kriegführung und der Erhaltung der Vorräte an Bedarfsartikeln, im Interesse der Approvisionierung und der Materialbeschaffung Verwaltungsmaßnahmen zu treffen, welche das bisher freie Spiel der Kräfte immer mehr einengten und beschränkten, zur Regelung des Verkehrs mit den mannigfachsten Bedarfsgegenständen und zur Schaffung einer ganzen Reihe von Kriegsverkehrsorganisationen führten und die Erwerbsgruppen des Handels von ihrer bisherigen Tätigkeit nach und nach völlig ausschalteten. Die Wirkungen aller dieser Momente für das Wirtschaftsleben der im Handel so zahlreich vertretenen jüdischen Bevölkerung des Landes sind wohl unschwer zu erkennen. Die wirtschaftliche Energie und Widerstandskraft der jüdischen Bevölkerung Galiziens, hauptsächlich der bisher im Handel tätig gewesenen, ist bis auf äußerst geringe Ausnahmen weniger Einzelner, im Kriege vom Glück Gesegneter, gebrochen. Ob sie den Schwierigkeiten gewachsen sein wird, welche bei Beendigung des Krieges entstehen müssen, namentlich wenn man bedenkt, daß einerseits die erwähnten kriegswirtschaftlichen Maßnahmen mit ihren Organisationen für eine geraume, kaum noch abzumessende Zeit nach dem Kriege, zumindest für die sogenannte Übergangszeit, noch beibehalten und nur allmählich abgebaut werden dürften, und daß andererseits auf Grund der im Kriege gemachten Erfahrungen im Interesse der Kapital- und Arbeitersparnis, gemäß einem schon jetzt überall immer lauter erschallenden Rufe an eine Reform des Kleinhandels geschritten werden dürfte, muß wohl mehr als fraglich erscheinen, wobei als auf eine spezifische Schwierigkeit auf die in Galizien von manchen polnischen Wirtschaftspolitikern aufgestellte und propagierte Forderung der „Nationalisierung des Handels" hingewiesen werden muß. Es ist bezeichnend und betrübend zugleich, doch durch die geschichtliche Entwicklung erklärlich, daß die Juden, obgleich sie infolge ihrer jahrhundertelangen Betätigung im Handel, im Binnenwie im Außenhandel der polnischen Lande genügende Gelegenheit gehabt hatten, sich eine besondere und wirtschaftliche Erfolge sichernde Eignung in diesem Berufe zu erwerben, nicht vermocht haben, sich für die Dauer eine führende Stellung im Handel des Landes zu verschaffen und ihre ihnen oft nachgerühmte kommerzielle Tüchtigkeit und Organisationsfähigkeit hervortreten zu lassen. Die zunächst durch äußere gesetzgeberische und administrative Faktoren verursachte Abschließung anderer Berufe vor den Juden und deren Zusammendrängung im Handel hat nach und nach zur Folge gehabt, daß sie sich auf einige wenige Handelszweige verlegten, °ft ohne genügende fachliche Vorbildung, ohne Prüfung der Verhältnisse, ohne Heft 8. ~ 36

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.