Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 538 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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538 Abraham Korkis: Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien hinreichendes Kapital und planlos, bloß weil der Nachbar aus seinem Geschäfte größeren Nutzen zu ziehen schien, ihre Wahl des Handelszweiges trafen, diese wenigen Zweige überfüllten und zersplitterten, in ihnen eine immer stärkere und unerbittlichere Konkurrenz entfalteten, die zuweilen moralisch anfechtbare Mittel anwendete und zur Untergrabung des Ansehens der jüdischen Kaufmannschaft führen mußte. Die so entstandene und zunehmende Konzentrierung der Juden in wenigen Handelsgruppen, innerhalb ihrer die weitgehende Zersplitterung, der harte Kampf um das tägliche Brot, hat bei ihnen nicht immer das richtige Verständnis für die Bedürfnisse der Bevölkerung und für die Forderungen der Zeit aufkommen und so gleichsam ihren Mangel an Erdverbundenheit auch in diesem übertragenen Sinne zutagetreten lassen. Nur wenige haben die Bedeutung der seit einiger Zeit als wirtschaftspolitische Forderung allgemein propagierten und von den maßgebenden Faktoren des Landes in Angriff genommenen rationellen Industrialisierung Galiziens für alle Berufskreise erfaßt und sich in den Dienst der jungen einheimischen Industrien gestellt, um den Vertrieb ihrer Waren zu fördern. So ist es gekommen, daß manche Wirtschaftspolitiker, welche die bisher geringen Fortschritte der Industrialisierungsbestrebungen, statt sie auf die Mängel der Gewerbe-, Kredit- und Steuerpolitik, auf die schwache Unternehmungslust der Kapitalisten und auf das in den breiten Schichten der ganzen, nicht nur der jüdischen Bevölkerung noch wenig entwickelte Verständnis zurückzuführen, ungerechterweise ausschließlich der ungenügenden Förderung seitens des jüdischen Handels zuzuschreiben geneigt sind, wie bereits betont, mit der namentlich gegenwärtig populären Forderung der „Nationalisierung" des Handels hervortreten, welche, als Schlachtruf gegen die Juden gebraucht, von den verhängnisvollsten Folgen sein kann. Der Vollständigkeit halber soll noch angeführt werden, daß die in der Landwirtschaft sei es als Selbständige oder als Angestellte (Pächter oder Beamte) tätigen Juden, deren wirtschaftliche Lage sonst nicht als ungünstig bezeichnet werden konnte, die ziemlich zahlreich im Osten des Landes vertreten sind, durch die Kriegsereignisse, durch die kriegerischen Operationen und durch die feindliche Invasion, zum größten Teile entwurzelt und der Betriebsmöglichkeit beraubt worden sind und einer wirtschaftlichen Katastrophe, zumindest aber einer unsicheren Zukunft entgegengehen und daß die wirtschaftliche Lage auch der in den freien Berufen zahlreich tätigen Juden, insbesondere der Rechtsanwälte (658 d. s. S8°/0) und der Ärzte (411 d. s. 29,6°/0) durch die kriegerischen Ereignisse namentlich im Osten, wo sie noch stärker vertreten sind (60,8 °/0 Rechtsanwälte und 34,8 °/0 Ärzte) eine ungünstige Verschiebung erfahren hat. Lemberg Abraham Korkis (Schluß folgt)