Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 535 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizieu 535 von 143 auf 81 pro mille gesunken, hingegen im Handel von 166 auf 286 pro mille gestiegen. Um diese Ziffern richtig deuten zu können, muß man sich zunächst vor Augen halten, daß Galizien ein industriell noch rückständiges Land ist, das kaum in einigen Industriezweigen über die Anfänge moderner und aussichtsreicher Entwicklung hinausgegangen ist, daß auch das Kleingewerbe auf einer niedrigen Stufe der Entwicklung sich befindet und daß der Handel in einem zahlenmäßigen Mißverhältnis zur geringen gewerblichen Betriebsamkeit des Landes steht. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß die soziale Gliederung der berufstätigen Juden, die verhältnismäßig große Zahl der Selbständigen, ein Zeichen des unserem Volke innewohnenden Auftriebs ist, des Bestrebens, auf der Stufenleiter des materiellen Fortschritts immer höher zu gelangen, eines Bestrebens, wie es in allen jüdischen Siedlungen, in den Jahrhunderte alten wie in den auf ihren vielfachen Wanderungen gewonnenen neuen Gebieten, zutagetritt. Allein vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte kann diese soziale Schichtung, besonders bei dem niedrigen Stand von Industrie, Kleingewerbe und Handel im Lande, keineswegs als günstig betrachtet werden. Von diesem Gesichtspunkte bedeutet die große Zahl der Selbständigen bei den in der Klasse Industrie und Gewerbe tätigen Juden vielmehr, daß sie viele kleine gewerbliche oder industrielle Unternehmungen mit wenigen Arbeitern betreiben. Zieht man noch in Betracht, daß die Art dieser gewerblichen und industriellen Betätigung der Juden ziemlich einseitig ist, daß die Juden hauptsächlich im Bekleidungsgewerbe, in der Nahrungsmittelindustrie, in der Metallverarbeitungsindustrie, in der chemischen, Leder- und Papierindustrie tätig sind, während sie in den übrigen Gewerbe- und Industriegruppen nur sehr schwach, in manchen beinahe gar nicht vertreten sind, so ist leicht einzusehen, daß die Konkurrenz dieser vielen ,,selbständigen" industriellen und gewerblichen Unternehmer ihre wirtschaftliche Lage sehr ungünstig gestalten muß. Wie sich aus der obigen Zusammenstellung der Ziffern ergibt, weist aber die Zahl der Selbständigen in der Industrie bei der letzten Volkszählung gegenüber der vorhergegenden eine nicht unbeträchtliche Abnahme auf. Diese Verminderung ist zunächst darauf zurückzuführen, daß bei der letzten Volkszählung die Gast- und Schankgewerbe, welche früher der Berufsklasse Industrie und Gewerbe zugerechnet waren, aus dieser Klasse ausgeschieden und in die Klasse Handel und Verkehr eingereiht wurden. Andererseits muß tatsächlich eine Verminderung der selbständigen kleinen gewerblichen und industriellen jüdischen Existenzen sowie der ihnen im Unternehmen mithelfenden Familienmitglieder stattgefunden haben. Nur zum geringsten, kaum nennenswerten Teil dürfte diese Verminderung durch eine Zusammenlegung, Konzentrierung kleiner Betriebe herbeigeführt worden sein. In der Regel waren die aus diesen sozialen Stellungen ausgeschiedenen Personen (146 pro mille) gezwungen, in der niedrigeren Stufe der Angestellten und Arbeiter Aufnahme zu suchen. Dies sowie die Zunahme der Kategorie der Tagelöhner ist wohl ein beredter Beweis für die wesentliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der jüdischen Gewerbetreibenden, für deren Verarmung, andererseits aber zum Teil vielleicht auch für den langsamen Eintritt der Juden in die an der beginnenden modernen Industrialisierung des Landes mitwirkende Kategorie der gewerblichen Arbeiter. Die geschilderte Erscheinung gibt auch zum Teile eine Erklärung fürdie jüdische Auswanderungsbewegung.