Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 533 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien 533 kerung des Landes überhaupt 771.551 berufszugehörige Personen, von denen 37>3°/0> be* den Juden 462.000 berufszugehörige, davon 37,8°/0 berufstätige Personen. Die Berufsklasse öffentlicher Dienst, freie Berufe und dergl. umfaßte im allgemeinen 628.166, bei den Juden 102.145 berufszugehörige Personen; hiervon waren im allgemeinen 58%, bei den Juden 42% berufstätig. Ein Vergleich mit dem Ergebnisse der Berufszählung vom Jahre 1900 ergibt im allgemeinen eine Verschiebung der Berufsverhältnisse von der landwirtschaftlichen nach der industriellen und gewerblichen, sowie handeltreibenden Richtung. Von der berufstätigen Bevölkerung waren im Jahre 1900 8i,5°/0, im Jahre 1910 78,7°/0 in der Landwirtschaft, 5,70/0 und 6,7°/0 in der Industrie, 3° o und 6,4°/0 im Handel und Verkehr tätig. Was den Anteil der Juden betrifft, so zeigt sich gleichfalls eine Verschiebung, jedoch mit eigentümlichen Merkmalen. Von den berufstätigen Juden waren im Jahre 1900 17,7% und im Jahre 1910 i3,4°/o in der Landwirtschaft tätig, in der Industrie macht sich ein Rückgang von 26,4°/0 auf 23% bemerkbar, im Handel zeigt sich bei den Juden eine außerordentliche durch die bereits hervorgehobene Einbeziehung der Gruppe Gast- und Schankgewerbe aus der Klasse Industrie in die Klasse Handel nur teilweise erklärliche Steigerung von 29% auf 51%. Wollen wir nunmehr versuchen, diese ziffernmäßig dargelegte Berufsgliederung der Juden in Galizien nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung zu würdigen. In der Regel wird ein verhältnismäßig schwacher Anteil weiblicher Personen an berufstätiger Arbeit als Merkmal einer günstigen Wirtschaftslage der Bevölkerung und höherer Kultur angesehen, während ein hoher Prozentsatz arbeitender Frauen als Zeichen von Armut und Rückständigkeit gilt. In analoger Weise pflegt man einer Bevölkerungsgruppe, innerhalb welcher die mittelbar Berufszugehörigen, d. s. die Familienangehörigen und die Hausdienerschaft im Vergleiche zu den Berufstätigen eine bedeutend hohe Anteilziffer aufweisen, einen größeren Grad von Wohlhabenheit und höhere materielle und geistige Kultur zuzuschreiben. Wo hingegen die Anteilsziffer der indirekt Berufszugehörigen infolge der Heranziehung von verheirateten Frauen, Kindern und alten Personen niedrig ist, wird angenommen, daß die betreffende Bevölkerungsgruppe unter ungünstigen ökonomischen und kulturellen Bedingungen lebt. Die oben dargebotenen berufsstatistischen Ziffern, welche zeigen, daß die nicht berufstätigen Personen bei der Gesamtbevölkerung 44°/0, hingegen bei der jüdischen Bevölkerung über 6o°/0 der Berufszugehörigen bilden und daß namentlich in den Berufsklassen Industrie und Handel die Zahl der berufstätigen Personen hinter der der nicht berufstätigen sehr erheblich zurückbleibt, könnten nun auf den ersten ßHck tatsächlich als Zeichen günstiger ökonomischer Verhältnisse der Juden in Galizien gedeutet werden. Allein bedenkt man einerseits, daß die Juden zum überwiegenden Teile in den Berufsgruppen Industrie und Handel vertreten sind, in denen es den berufstätigen Familienmitgliedern wesentlich schwieriger ist, von ihrer Arbeit auch den nicht berufstätigen Familienmitgliedern genügenden Unterhalt zu bieten, als in der Landwirtschaft, und daß andererseits unter den nicht berufstätigen Personen über zwei Drittel Frauen sich befinden, so muß man, was übrigens auch sonstige Beobachtungen lehren, vielmehr folgern, daß die große Zahl der nicht berufstätigen Personen als eine starke wirtschaftliche Belastung der berufstätigen jüdischen Bevölkerung und somit nichts weniger als