Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 532

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
Date
1921-01-01
Page
532 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101133-3102616--1921-3102675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

532 Abraham Korkis: DIE WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER JUDEN IN GALIZIEN 5. Galizien gehört zu den am dichtesten bewohnten Ländern der Monarchie (auf 1 km2 entfallen 102 Einwohner) und ist noch immer ein Agrarland,. indem drei Viertel der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, während die Berufsgruppe Industrie und Gewerbe, ebenso wie die Berufsgruppe Handel und Verkehr bloß kaum je ein Zehntel der Bevölkerung ernähren und der Rest (etwa ein Zwanzigstel) dem öffentlichen und Militärdienst, den freien und anderen Berufen zugehört. Das Land, das über reiche Naturschätze (Kohle, Holz, Petroleum), über eine arbeitsfähige Bevölkerung und über eine geistig hochstehende obere Schicht verfügt und günstige Bedingungen für die Entwicklung höherer wirtschaftlicher Kultur besitzt, ist gegenwärtig infolge seiner Rückständigkeit nicht in der Lage, seine Bevölkerung zu ernähren. Während erfahrungsgemäß je 100 ha Ackerboden nur ungefähr 50 landwirtschaftlich tätige Personen zu ernähren vermögen, muß der Ackerboden in Galizien eine doppelt so große Zahl erhalten, obgleich er überdies bei zurückgebliebener extensiver Wirtschaft einen unverhältnismäßig geringen Ertrag liefert. Die so entstehende starke landwirtschaftliche Übervölkerung, die Übervölkerung des Dorfes führt angesichts der geringen Aufnahmsfähigkeit der schwach entwickelten Industrie und des rückständigen, übrigens durch verschiedene Maßnahmen (Befähigungsnachweis) in der Entwicklung gehemmten Kleingewerbes und Handwerks zu der oben angedeuteten Erscheinung der allgemeinen Wanderbewegung. Welcher Anteil und welche Stellung fällt nun den Juden in dem Wirtschaftsleben Galiziens zu? Von der gesamten berufszugehörigen Bevölkerung Galiziens (8,024.524 Personen nach der Volkszählung 1910*) waren mehr als die Hälfte (56°/0) berufstätig. Unter den Juden übt ein bedeutend geringerer Teil der Berufszugehörigen, nämlich bloß 39°/0 eine Berufstätigkeit aus, so daß drei Fünftel der jüdischen Bevölkerung als berufslose Angehörige, Hausdiener (Dienstboten) von dem Berufe der übrigen leben, darunter mehr als zwei Drittel weibliche Personen. Zieht man die einzelnen Berufsklassen in Betracht, so findet man, daß von der zur Landwirtschaft berufszugehörigen 5,863.044 Personen zählenden Bevölkerung 6o°/0 berufstätig sind. Bei den Juden stellt sich in der Landwirtschaft das Verhältnis so, daß von den 93.471 Berufszugehörigen ungefähr die Hälfte berufstätig ist. Industrie und Gewerbe weisen bei der berufszugehörigen 761.763 Personen zählenden Bevölkerung des Landes 4O°/0, bei den Juden mit 214.184 Berufszugehörigen 36,7% Berufstätige auf. In der Berufsklasse Handel und Verkehr, zu welcher nach der letzten Volkszählung abweichend von der früheren das Gast- und Schankgewerbe gerechnet wird, gab es bei der Bevöl- *) Die Ergebnisse der anläßlich der Volkszählung im Jahre 1910 vorgenommenen Berufszählung sind für Galizien von der k. k. Statistischen Zentralkommissien noch nicht zur Veröffentlichung gelangt. Die in diesem Aufsatze verwendeten Urdaten verdankt der Verfasser dem besonderen Entgegenkommen des Leiters der Volkszählungsabteilung der k. k. Statistischen Zentralkommission Herrn Regierungsrat Dr. Wilhelm Hecke.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.