Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Hass und Verachtung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 530 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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530 Melr Wiener: 7- Eine Hauptursache der Verachtung, die man uns entgegenbringt, ist unsere große Fähigkeit zur Assimilation. Weil wir eben dem Europäer so ähnlich wurden, gewöhnte er sich in uns nicht Wildfremde zu sehen, die man anstaunt, aber nicht belacht, und empfand jede unserer, trotz der äußerlichen Assimilation noch reichlich beibehaltenen Andersartigkeiten als Ausartung aus dem Gewöhnlichen, und für das maßgebende ,»Gewöhnliche" hielt er seine Art, weil wir ihm sonst so täuschend ähnlich sahen; eine Ausartung aber wird immer verachtet. Solange Europa von unserer äußerlichen Assimilation — und nur zu der sind wir befähigt — sich täuschen läßt, um an uns die eigenen Maßstäbe anzulegen, so lange wird sich die Enttäuschung wiederholen müssen und nach sich Verachtung ziehen. Erst wenn die anderen lernen werden, unsere ureigenen Andersheiten nicht als komische Abweichungen von ihrer eigenen Art, sondern als selbstberechtigte Fremdart zu betrachten, werden sie unserem Wesen gerecht werden können. Und stark genug ist diese Assimilation, die an uns Europäertum vortäuscht Selbst die Verkünder unserer Eigenart, wie ist ihr Wesen und ihr Ausdruck assimiliert! Sie schreiben systematisch durchdachte philosophische Abhandlungen über die Rückkehr zur Eigenart, was ist aber dieser unseren Eigenart fremder als die okzidentale Denkart und Ausdruck eines Achad-Haam zum Beispiel? Ein antiker Jude hätte ekstatisch geschrien, gedonnert, geschäumt, geflucht, gestraft, zu allerletzt klar und ruhig erörtert. „Nationalismus", ist dies ein jüdischer oder ein unjüdischer Begriff? Wir lebten sonst den Nationalismus, wie selten eine Nation, aber dachten ihn nie; so sehr lebten wir unsere Werte, daß wir sie nie dachten. Das bewußte Streben nach „Besinnung auf die eigene Art" haben wir doch von den Anderen gelernt, wiewohl bei uns immer unbewußt mit dem ganzen Sein, trotz starken Assimilationsdranges, danach gestrebt wurde. Und doch sind wir auch zugleich die Unassimilierbaren. Wir geben bis zu einem gewissen Grade nach, um dann desto stärker den Dingen unser Wesen aufzuprägen. Wir haben uns in den tausenden Jahren der Diaspora stark gewandelt, aber selbst unsere Wandlung blieb eine jüdische; wir haben vieles angenommen, aber jüdisch angenommen. Diese eigene Art, wie wir uns Fremdes zu eigen machen, berührt die anderen, als das „Jüdische", unsympathisch. Weil es einerseits ähnlich, andererseits so abgründlich verschieden ist, fürchten sie dessen Einfluß auf ihre Kultur, oft nur instinktiv; und vielleicht ist diese Furcht und Abwehr im Interesse der Wahrung ihrer Art sogar berechtigt. Folgerichtig aus der gleichen Erwägung, in unserer ähnlich-unähnlichen Art Gefahr witternd, verwehrt (oder verwehrte) Rußland den Juden ihre weitere Assimilation durch verschiedene Mittel; indem es seine Schulen vor ihnen schloß, sie zur Beibehaltung des jüdischen Vornamens zwang, in den jüdischen Schulen (Chedarim) das Lehren der russischen Sprache nur bis zu einem gewissen Grade erlaubte u. ä. m. Das Mittelalter bediente sich zum selben Zweck gröberer Mittel, damit der Jude kenntlich und so gefahrlos blieb.