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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 531

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Hass und Verachtung
Date
1921-01-01
Page
531 (sequence 9)
Language
German
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Haß und Verachtung 531 8. Das Schwerste in unserem Schicksal ist, daß wir Juden in der Tat nicht mehr den reinen Judentypus darstellen, daß wir Europa mit angehören, wiewohl wir keine Europäer sind. Wir sind keine reinen Orientalen mehr, ebenso stark lebt in uns das Okzidentale; zweitausend Jahre gehen im Leben einer Nation nicht spurlos vorüber, wir bilden eben einen neuen Typus, des Orientalen-Okzidentalen: des europäischen Juden. Wir fassen das Europäische auf jüdische Art an, aber das Europäische anzufassen, ist uns nötigstes Bedürfnis geworden. Wir lieben es eben so innig — vielleicht inniger; neuer Freunde Liebe ist immer inniger — wie die Anderen, wir lassen uns oft genug davon zur größten Begeisterung hinreißen, wiewohl wir uns ihm nie rettungslos ergeben, der Zusammenhang mit unserer Vergangenheit hält uns immer wieder vom letzten untertauchenden Sprung ab, was unsere Ohnmacht und zugleich unsere Stärke, unser größtes Glück bedeutet. Und wir haben auf dieses Europäische ein Anrecht, weil es unserem innersten Wesen zum natürlichen Bedürfnis wurde, weil wir daran seit langem auf unsere Art mitschaffen. Wir beklagen nicht, daß wir nicht mehr sind, die wir waren, wir wissen, welche wunderbare Kräfte durch Berührung mit diesem Fremden in uns geweckt wurden und zum Vorschein kamen, welche erhellende Blitze dem Zusammenstoß dieser zwei Welten entzuckten. Und wozu über Notwendigkeiten der Geschichte jammern — wenn es auch zuweilen sehr schwer wird, all den Zorn, Wut, Haß und Verachtung zu tragen. Was will dann, wird mancher fragen, euer „Besinnen auf das Eigene" bedeuten, wenn ihr das Uneigene nicht ablehnt? Als ob das Europäische nicht längst auch unser Eigenes geworden wäre. Unser „Nationalismus" ist eine Warnung vor der restlosen Hingabe an das Europäische; wir dürfen ihm nicht unterliegen, wir sollen es bezwingen. So war es bis nun, so muß es weiter bleiben, sonst müßten wir das Zeitliche segnen; wir aber wollen ewig sein, und ewig Sein heißt nicht im selben Zustand ewig verharren, das ist ewiger Tod, sondern in der Wandlung ewig Wir selber bleiben, wie das Ichbewußtsein beim Einzelindividuum durch alle Wandlungen dasselbe bleibt. Wir wollen dem Europäertum weit offenen Einlaß zu uns geben, aber unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß es sich bei uns unseren Gesetzen, der Struktur unseres Geistes zu fügen hat, und nicht umgekehrt, wie die traurigen Verkenner der Eigenart geistiger Verfassung meinten, die vergebens versuchten, ihren Geist den europäischen Inhalten gemäß umzuwandeln. Und wenn wir darob Verkennung, grausamen Spott, Achselzucken, Haß und Verachtung ernten, unser Weg führt durch Verkennung, Haß, Spott und Verachtung; wir wollen ihnen nicht ausweichen, sie sind unsere größten Förderer. — Allein über ihre Ursachen müssen wir uns endlich ganz klar werden. Zürich Me5[r Wiener

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