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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 529

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Hass und Verachtung
Date
1921-01-01
Page
529 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Haß und Verachtung 529 unfähigeren zum Verhängnis werden mußte. Bis auf den heutigen Tag ringt Europa mit diesem unverdaulichen Element, das trotz allem, wenn nicht in dessen Bejahung so doch im Verneinen-müssen schwer auf ihm lastet Mit dem Römischen und mit dem Griechischen im Römischen wird es mählich fertig, das Jüdische (im Christentum) kann es sich nicht assimilieren. Entwicklung ist zwar nur bei Berührung fremdester Kulturen möglich, und dieses Ringen mit dem Fremden hat in Europa Herrliches hervorgebracht, allein zuweilen sinnt ein Nachdenklicher und sagt: Wenn diese fremden, unbesiegbaren Einflüsse unterblieben wären, unser Ausreifen hätte sich vielleicht um viele tausende Jahre verspätet, aber wir hätten eine eigene Kultur, eine unserer Geistesbeschaffenheit gemäßere, einen eigenen Ausdruck, keine Luther-Bibel-Sprache (oder Wyclif- Bibel-Sprache), keine Choral-Messe-Musik, keine Malerei des Alten und Neuen Testaments, eine ureigene Religion (zum Beispiel „einen deutschen Gott" statt des jüdischen), und der Moral wäre innerer Zwist erspart geblieben. Dabei vergißt der Nachdenkliche, daß diese „Urbeschaffenheit" des germanischen Geistes zum Beispiel auch eigentlich nur durch Kreuzung und Berührung mit anderen „Urbeschaffenheiten" entstand, daß eine Fortentwicklung ohne gegenseitige, dauernde Befruchtung mit anderen Kulturen undenkbar ist. Und wieviel undankbare, ehrfurchtslose blinde Verbissenheit ist in diesem Gedankengang, die an der „Mischkultur", die Luther, Rembrandt, Bach hervorbrachte, dem vagen, unwirklichen Schema einer ureigenen Kultur zuliebe leichtsinnig mäkelt. Auch sagt sich dieser Nachdenkliche nicht, daß nicht wir Juden es waren, die dieses fremde „verderbliche" Feuer in Europa entzündet haben, daß es ohne unser Zutun geschah, eher im Gegenteil, und wendet seinen Groll gegen — die Juden. Es gab eine Zeit, da die europäische Welt daran war, mit starkem Anlauf die übernommene römische Kultur und das Jüdische im Christentum völlig ihrem Wesen Untertan zu machen, und vielleicht wäre es damals gelungen, das Christentum restlos ins Europäische zu übertragen. Da kam der große Eiferer Luther und drang auf Revision des dem Judentum entgleitenden Christentums. Als zur gleichen Zeit der Abglanz der gespensterhaft umherwandelnden toten griechisch-römischen Kultur die Geister blendete, verlor das entmutigte Europa Vertrauen und Glauben an den Wert des eigenen Wesens für viele Jahrhunderte, schwankte zwischen einer Sehnsucht nach einem unwirklichen, erträumten Griechentum und einer erneuten Inbrunst für das Jüdisch-Christliche; das eigene Wesen aber ward zum Verstummen gebracht. Und so leidet Europa noch heute unter dem Zwiespalt zwischen seinem Wesen und der nicht zu eigen gemachten Religion. Die Besten empfanden dies immer schwer (Goethe, Nietzsche) und litten darunter, wie der Jude unter der Unvereinbarkeit seines Wesens mit der Umgebung leidet. Jetzt aber, da die lange zum Schweigen verurteilte „Eigenart" überall zu neuer Geltung kommt, kehrt sich auch der Groll und der Unmut gegen die unschuldigen Urheber dieses seelischen Zwiespaltes mit erneuter Wucht. Und wenn alle Ursachen des Judenhasses verschwinden sollten, solange diese besteht gibt es für uns keine Vergebung. Solange ein Funken Judentums noch im europäischen Christentum glimmt, wird man uns immer wieder die Kreuzigung „ihres" Jesus schwer büßen lassen.

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