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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 528

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Hass und Verachtung
Date
1921-01-01
Page
528 (sequence 6)
Language
German
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528 Meir Wiener: Macht sind die Starken und ihre inbrünstigen Verehrer die Schwachen. Es ist auch nicht wahr, daß die Gequälten es sind, die am Leben ängstlich kleben, im Gegenteil, meistens sind sie sogar die todesmutigsten. Wenn wir die grenzenlose Achtung vor dem Leben durch alle Leiden beibehielten, trotz der Todeswilligkeit und des Todesmutes, wo es sich um unsere Wichtigkeiten handelte, ist dies nur unserer besonderen Art zuzuschreiben. Daher unsere Ehrbegriffe, daher die Ehrbegriffe Europas. Könnte sich ein Europäer entschließen, den Krieg zu verachten? Nach europäischen Begriffen ist der Krieg an sich jedenfalls etwas Ehrenvolles, jedes Schlachtfeld ein Feld der Ehre. Dies ist wieder eine der tiefsten Klüfte, die uns von Europa, in dem wir leben, das wir liebgewonnen haben, erbarmungslos für ewig trennt. Diese unsere Verachtung der Gewalttaten jeglicher Art flößt den anderen Verachtung für uns ein. Sie schelten sie mit dem Ritterschimpf — ,»Feigheit". 5. Der vom Raub lebende Jäger-Ritter betrachtete es als Schmach, von einem Gut anders als durch die Kraft der Faust Besitz zu ergreifen; er verachtet genau so den arbeitenden Bauer, wie den vom Tausch lebenden Juden, weil sie sich nichts durch die Kraft der Faust zu verschaffen vermochten. Das Erwerben durch Tausch, Kauf und nicht einfach durch Gewalt dünkte den halbwilden Ritter eine taschenspielerische Zauberei, in der er List und Betrug witterte. Das Besitzergreifen durch Kauf dünkte ihn nicht kräftig, nicht gültig genug, weil der Konventionswert des Geldes sich nicht auf Kraft sondern auf soziale Moral stützt. Der Wert des Geldes blieb für ihn lange von zweifelhafter Realität, folglich das Erstehen durch Geld eine Art Betrug. Dies ist ein oft anzutreffendes, schwer ausrottbares Vorurteil primitiver Menschenschichten, die nur im unmittelbaren Schaffen oder im Raub Berechtigung zum Besitz sehen. Im Orient war die Kultur des Tausches und Handels bereits am Verfall, als man im Abendlande den Wert des Geldes noch als Scheinwert empfand. Es ist ein großes Unglück, in eine tiefer stehende Kultur hineinzugeraten; Halbwilden geben Errungenschaften der Kultur immer Grund zum Lachen und Verachten. Als wir Juden mit unserer Kampf- und Raubperiode zu Ende waren, wurden wir wie die Griechen nach der ihrigen kampflose Erwerber, und da wir wie die Griechen in eine raubkämpfende Umgebung einer tieferen Kulturstufe gerieten, konnte es nicht anders denn als Schwäche und Feigheit gedeutet werden und gab einen Grund zur Verachtung ab. Und was früher im Sinne des Rittertums als Schmach aufgefaßt wurde, nennt man heute ins Bürgerliche übertragen „unmoralisch", wiewohl eigentlich der Handel nur in einer moralisch gefestigten Umgebung möglich ist. Im Grunde ist es derselbe Stumpfsinn, der in jeder unbegriffenen Fertigkeit einen taschenspielerischen Betrug sieht. 6. Als die römische Kultur in die nordeuropäische Welt ihren Einzug hielt, brachte sie einen Aussatz mit, an dem die verfallende und zerrüttete selber krankte, der an ihrem Lebensmark zehrte: das Christentum. Die rohgesunde germanische Welt hatte also nicht nur mit einer greisenhaft dekadenten, überreif welken Kultur fertig zu werden, sondern auch noch mit einem durch sie mitverschleppten krankhaften Ausfluß, der Urfremden, darum Widerstands-

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