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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 526

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Hass und Verachtung
Date
1921-01-01
Page
526 (sequence 4)
Language
German
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526 Meir Wiener: zugleich der hervorragende Wille und Fähigkeit zum Glauben; wer hat dann Recht, Treitschke, Sombart oder Renan, Chamberlain, Weininger? Oder wie oft wurde unsere auf die Totalität gerichtete Geistesstruktur als Mangel an Ehrfurcht vor den Einzelmomenten des Seins, vor dem Sein schlechthin mißdeutet? Weil wir uns nicht ans Sein verlieren, sondern es zu bezwingen suchen, weil wir das Sein nicht wie die Anderen als Götzendiener anbeten, sondern ihm unser Innerstes als Sinn aufprägen, weil wir einzelne Seinstöne zur Musik verbinden, über dem Augenblick stehend. Was für Ungeheuerlichkeiten ergeben sich für Chamberlain aus der historischen Perspektive unseres religiösen Schauens? Und gerade dies bewundert ein anderer an unseren Propheten, „daß sie als die ersten den Begriff der Weltgeschichte erschlossen, der den Griechen niemals aufgegangen ist; sie erkannten den Zusammenhang der Weltbegebenheiten" (Jentsch, Alte und neue Mystik). Innere Hast und Unruhe wird von den meisten Nichtjuden als Haupteigenschaft der Juden angegeben. Wem aber ist die Hast so sehr Mittel für das Ruheziel des Sabbats, wie dem Juden? Wer versteht die Ruhe so absolut, so virtuos zu genießen, wie der Jude am Sabbat? Sollte diese Fähigkeit nur an einem Tage der Woche vorhanden sein? Nicht als ob unsere nervöse Unruhe weggeleugnet werden sollte: aber mit einer drastisch bejahenden oder verneinenden Behauptung sind Eigenschaften einer Nation und Rasse nicht zu bestimmen, selbst wenn sie weniger kompliziert sind als die unsrigen. Und ein noch so tiefes, ehrliches Nachdenken wird ohne liebevolle Versenkung bei diesen empfindlichsten aller Bestimmungen nicht die Wahrheit erreichen. Können wir eine solche von anderen als uns selber erwarten? 4- In Grimmelshausens Simplizissimus ist oft mit Worten größter Verachtung von „schachernden Juden" die Rede, von jüdischen Roßtäuschern und nichtjüdischen, die mit dem „Judenspieß" trefflich umzugehen wußten. Dagegen werden die Greuel des 30jährigen Krieges, Mord, Raub, Notzucht, Brandstiftung mit größter Seelenruhe, nicht ohne Humor und Behagen, erzählt. All diese Schandtaten werden zwar gelegentlich als „Gottlosigkeiten" bezeichnet, aber mit einem vergnüglichen, fast zustimmenden Schmunzeln. Jakob Burckhardt, von der an Verbrechen reichsten Zeit des christlichen Europas berichtend, kann einem Lodovico il Moro und sogar Cesare Borgia seine Bewunderung nicht versagen, weil sie „Naturprodukte waren, denen man nicht ganz böse sein kann", und schätzt an Borgia . das „außergewöhnliche Naturell". Kommt er aber auf den Aragonesen Ferrante König von Neapel zu sprechen, bei dem marranische Herkunft zu vermuten ist, kann er für seine Grausamkeit keinen anderen Grund finden als sein „Geblüt". Seinem Sohn weiß er — in einem Zeitalter der Borgia! — nichts schlimmeres nachzusagen, als daß er „Juden in seiner unmittelbaren Nähe duldete". Und wer war dieser Jude? Jizchak Abrabanel, eine der edelsten Persönlichkeiten unserer nachexilischen Geschichte. Und im Grunde ist die soziale Moral — im Gegensatz zu der religiösen, die in Europa auf das Leben ohne Einfluß blieb — bis auf den heutigen Tag im ganzen Okzident die des Rittertums geblieben. „Moralisch" bedeutet noch immer ungefähr dasselbe wie „ritterlich". Trotz Demokratisierung sind die Maßstäbe der sozialen Moral von den Begriffen des feudalen Rittertums nicht frei geworden.

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