Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Hass und Verachtung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 525 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101133-3102615--1913-3102668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Haß und Verachtung 525 leugnen? Aber selbst unsere Tugenden gereichen uns zur Schuld und Verachtung. Ähnliche Eigenschaften werden sonst als Innigkeit, Scharfsinn, Esprit, Festigkeit, Selbstbewußtsein u. ä. gerühmt; bei uns beobachtet, werden dieselben Eigenschaften als jüdische Sentimentalität, Spitzfindigkeit, Schachergeist, Starrsinn und Dünkel gescholten; und der Grund ist nicht so sehr das Anderssein derselben Eigenschaften bei Juden und Nichtjuden, als vielmehr ihre äußere Ähnlichkeit. Wir müssen uns endlich einmal über unsere Tugenden und Untugenden selber klar werden, und sie uns nicht ewig von den anderen vorschwätzen lassen. Nötig ist dies, weil Nichtjuden oft schon unser Anderssein, das an sich ebensogut eine Tugend wie eine Untugend sein kann, unbedingt verwerflich zu finden geneigt sind. Aber gerade dieses Anderssein ist der Lebensnerv einer Menschenart, an dem zu zerren man nicht ohne Ernst und Liebe gestatten sollte. Anderseits wird bei uns manches als ureigne Andersartigkeit gepflegt, was im Grunde eine zugelaufene Untugend ist. Untugenden jeglicher Art müssen bekämpft werden, aber im ganzen ist es unsere Pflicht, unsere Andersartigkeit eher zu steigern und zu fördern. 3- Auch die „Wirtsvölker" sollten lieber unsere Andersartigkeit fördern als bekämpfen. Sonst werden sie unweigerlich an einer schlechten Mischung und Verzerrung dieser Andersartigkeit selber teilnehmen müssen. Abtrünnige, die sich äußerlich dieser Andersartigkeit entschlugen — es auch innerlich zu tun übersteigt ihre Kräfte — nehmen sie, mehr oder weniger willig, in ihre Mitte auf. Durch die äußere Verwischung der Zeichen des Andersseins wird die Wachsamkeit des „Wirtsvolkes" von der im Grunde unausrottbaren Andersartigkeit der Juden bis ins späteste Geschlecht abgelenkt, und mit der Zeit wird diese verzerrte, verdorbene Zwitterart der eigenen unbedenklich einverleibt. In dieser unnatürlichen Mischform aber gereicht ihnen unsere Art zweifelsohne zu Schaden. Dagegen wird, wo wir in der Betonung unserer Art nicht gestört werden, ein ungewolltes, unbewußtes Verfließen zumindest sehr erschwert Einflüsse sollen überall willkommen sein, Kultureinflüsse sind fördernd, aber nur solange sie als fremde erkannt, mit Bewußtsein aufgenommen werden; unbewußte Aufnahme fremden Wesens und Geistes, oder gar Zwitterwesens und Zwittergeistes kann zum Verhängnis ausarten. Wir aber müssen unser Anderssein reinzüchten, freilich bei rücksichtsloser Ausschaltung erkannter, ob auch ureigener Fehler, um das heiligste Ideal einer Nation, wie jedes einzelnen Individuums, zu erreichen: die volle Entfaltung der eigenen Natur zu ihrer Bestimmung. Wie es um die Deutung unserer Art durch Nichtjuden bestellt ist, zeigen einige beiläufig herausgegriffene Beispiele. Treitschke spricht von einer gefährlichen Begabung der Juden zur konzentrierten beabsichtigt-einseitigen Betrachtungsweise, die sie in hohem Maße zu Juristen (darunter denkt er sich offenbar Rechtsverdreher) qualifizieren soll. Aber gerade diese Fähigkeit wird uns von einer ganzen Reihe nicht weniger bedeutenden Judenhasser leidenschaftlich abgesprochen, nur heißt sie dann nicht mehr gewollt einseitige Betrachtungsweise, sondern Individualität, wohlweisliche, schöpferische Einschränkung, „absichtliches Blindsein" im Mannigfaltigen zugunsten des Einfaltigen und ähnlich. Die Fähigkeit zur beabsichtigten Einseitigkeit ist doch