Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Hass und Verachtung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 524 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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524 Meir Wiener: unendlich höher dünkt, edler und moralisch wertvoller. Der eine beklagt unsere Kulturlosigkeit, den anderen stört unsere Überkultur; dem einen erscheint unser Anteil am Geistesleben zu gering, dem anderen viel zu groß und aufdringlich. Wir können es niemand recht machen, weil man uns um jeden Preis hassen will, der Grund ist eigentlich Nebensache. Aber uns, uns sollte er nicht Nebensache sein; einmal müssen wir es doch ergründen: was mag dieser Haß bedeuten? Und daß wir überall gehaßt werden. Immer und überall! Von Römern, Griechen, Germanen, Slawen, Romanen, und sogar von den uns blutsverwandten Arabern und anderen Semiten. Die Erörterung dieser Frage in unserem Lager muß mit Nachdruck gefordert werden, nicht um der anderen, sondern um unserer verwirrten Brüder willen, die allmählich zu Selbsthaß und Selbstquälerei erzogen werden. Wir haben der „wissenschaftlichen Konstatierung" absoluten Glauben schenken gelernt, die Wissenschaft hat sich dieser Frage energisch bemächtigt, und wir bekommen von ihr darüber immer interessantere Dinge zu hören, über unsere Geistesstruktur, Fähigkeiten usw., und was sie aussagt wird aufs Wort geglaubt. Verdient aber diese Wissenschaft Vertrauen? „Sie erzählt mit ernster Miene und gefalteter Stirn von Geistesart, Religion, Wesen, innerstem Wesen der Zuluneger, Botokuden, Japaner oder der Völker, die vor zwanzigtausend Jahren zu sein aufgehört haben. Wie aber können wir Juden ihr all dies glauben, wenn dieselbe »Wissenschaft* beim Beilisprozeß ,ernst erwägen und untersuchen* mußte, ob die Juden, die aus der Nähe zu beobachten sie seit tausenden Jahren Gelegenheit hat, einen Blutritus besitzen oder nicht.** (B. Z. Rapaport) 2. Man haßt und verachtet uns zugleich, was sich sonst gegenseitig ausschließt, denn Haß setzt eine gewisse Schätzung voraus, das Verächtliche ist für den Haß zu gewichtlos. Dem Juden gegenüber, wie in ihm selber, werden alle Gegensätze möglich. Die alten Römer haßten und verachteten uns zugleich, ihre Feldherrn lehnten den Siegestitel „Judaicus** ab; auch vor dem Verlust unserer politischen Unabhängigkeit wurden wir gehaßt und verachtet wie vielleicht kein zweites Volk in der Welt. Was mag der Grund dieser Tatsache sein? Ist vielleicht unser größtes Unglück, daß unserem selbstbewußten Stolz nie die Macht entsprach und beistand? Eine gesunde Nation empfindet immer eine leisere oder stärkere Abneigung gegen jede andere, wie wir überhaupt jedem Fremdartigen zuerst mit Abneigung begegnen, sofern wir nicht von einer gar zu neuigkeitslüsternen Dekadenz sind. Es ist dies die Abwehr gegen das drohende Unbekannte. Die Abneigung steigert sich mit dem Grade der Fremdheit oder Andersartigkeit; es liegt also nahe, eine ungewöhnlich große Andersartigkeit bei den Juden anzunehmen. Wie ist aber dann die Verachtung zu erklären? Einzig mit der ungewöhnlichen Fähigkeit zur äußerlichen Assimilation, die uns trotz hartnäckiger, starrer Andersartigkeit innewohnt. Diese äußerliche Assimilationsfähigkeit täuscht erst über unsere Andersartigkeit hinweg, unsere Art erscheint dann verwandt, vertraut; dann aber, endlich die Verschiedenheit merkend, rächen sich die ohne Absicht Getäuschten so, daß sie unser Anderssein nicht als unbegriffene Andersartigkeit, sondern bloß als sinnlose Abweichung von der eigenen Art auffassen; und eine sinnlose Abweichung wird immer verlacht und verachtet. Daß wir Untugenden und Mängel haben, wer will es