Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Galuth
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Herman Glenn: Galuth der Bildhaftigkeit, der dinglichen Produktivität immer mehr zu korrigieren gelernt, und im Laufe der Neuzeit diese Verachtung in vielfacher Hinsicht fast gänzlich abgelegt. Wahrhaft symbolisch für die ethische Rückwirkung des Galuth auf die jüdische Vorstellungswelt ist die gegen Ende des X. Jahrhunderts erfolgte kanonische Anbefehlung der Einehe für die europäische Diaspora, während im palästinensischen Judentum auch heute (und wohl nicht für lange mehr) die Polygamie noch de jure Gültigkeit hat. Die Frau ist in der ältesten Judenheit mehrfach zu den höchsten Weihen des Prophetentums gelangt — wie eine Kunde religiöser weiblicher Urgewalt ragt das Deborahlied aus den Fluten der Zeiten hervor —; und auch die spätere jüdische Staatsperiode kannte die Macht einzelner Frauenindividualitäten (wie die der souveränen Königin Alexandra Salome). Legende und Dichtung wöben um die Frau zarteste Schleier der Verehrung und Liebe — man denke nur an das Hohelied, das Buch Ruth, Judith. Dennoch bedurfte es erst der aufrüttelnden herben Luft des freieren abendländischen Lebens, um eine veredelte Stellung der Frau im Judentum zu erwirken, wie denn im Laufe der Zeiten auch der jüdische Mensch überhaupt am Vorbilde europäischen Geistesseins zu einer tieferen inneren Unabhängigkeit gegenüber der Gesamtheit gelangte: Unzählige erfreuen sich heute innerhalb des Judentums derjenigen Unabhängigkeit des Denkens, die selbst ein Spinoza noch mit der Verbannung aus der religiösen Gemeinschaft büßen mußte. Nur so hat eine kulturelle Wiedergeburt des Judentums, die nun (neben den nie ersterbenden Inhalten des eigenen Urwesens) voll ist von hocheuropäischen Geistesinhalten, zuletzt zur bedeutsamen Wirklichkeit angebahnt werden können. Jenes gewaltige Erziehungswerk der Jahrhunderte aber ist zunächst noch nicht abgeschlossen, ebenso wie das Erziehungswerk des Judentums mit seinen kategorischen Imperativen unerbittlicher religiöser Ethik im Zeitalter der materialisierenden Imperative der Machtmoral dem Europäertum gegenüber noch nimmermehr als abgeschlossen gelten darf. Möglich, daß dem Judentum dadurch noch die schwersten Leiden erstehen, die Schläge einer wiedererwachten Barbarisierung europäischer Nationen unter der Maske der Abwehr und der Parole des extremen Hasses, die alle obskuren Thesen einer jetzt besonders schwunghaft betriebenen rassentheoretischen Scheinhistorie sich zu eigen machen wird. Das Judentum, von je mit dem Leiden verquickt, das ihm im Galuth zur zweiten Natur geworden ist, muß auf diese neuen Prüfungen gefaßt sein und wird sie im Bewußtsein seiner Wesenheit zu ertragen wissen, wenn sie kommen; i/ivuc^in iot vn« ~— einzige Weg zur Läuterung für jene Nationen — jedenfalls ist dies der einzige Weg zur Läuterung des jüdischen Namens in Europa selbst. Der tiefere Grund für die wachsende Erschwerung des jüdischen Daseins im Galuth ist einerseits die selbstgewollte rücksichtslose Expansionssucht der modernen großen Nationen, die sich darum jetzt vor allem universal eingestellten Menschheitsempfinden wieder feindlich verschließen, andererseits der Umstand, daß die psychische Europäisierung des Judentums einen Grad erreicht hat, bei dem der nationale Stolz sich nicht mehr mit der rein passiven Rolle des von anderen Mitgeführten begnügen kann. Eine Steigerung der geistigen und vitalen jüdischen Aktivität ist erfolgt, deren Fortbewegung in der bisherigen Richtung — auf die anderen — notwendig die stärkste Beunruhigung auf allen Seiten hervorrufen muß. Solchem