Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Galuth
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Galuth wirklich nur das unerhörte, in dieser Abgründlichkeit von keiner sonstigen Nation der Erde je erlebte nationale Unglück gewesen, als das sie von Ungezählten des Volkes wie von den meisten neueren Nationalgesinnten angesprochen wird? Die Wiederbesinnung der letzten Zeit, die dem Manchestertum in nationalen Dingen das verdiente Ende bereitete, hat es im jüdischen Leben für berechtigt gefunden, den internen Feind in seinem stärksten Schutzwall zu treffen: in seiner Anbetung vor allem Europäischen, das er vergeblich als sein eigenes Wesen hinzustellen versuchte. Die Assimilation war mit dem Galuth als der selbstverständlichen Voraussetzung verbunden; da wurde der begreifliche naheliegende Fehler begangen, die Erscheinungen der Assimilation als notwendige Folgeäußerungen des Galuth überhaupt hinzustellen. Es soll an dieser Stelle nicht im geringsten die Zerstreuung allein als die für alle Zukunft endgültige oder auch nur kampflos hinzunehmende Lebensform des Judentums gerechtfertigt werden. Auflehnen muß sich jedoch der historisch Denkende dagegen, daß eine so tief notwendig gewesene und wenigstens noch für längere Zeit notwendig bleibende Erscheinung des universalen jüdischen Seins nur vom aktuellen Standpunkt der Nützlichkeit oder Schädlichkeit aller ihrer Symptome für das gegenwärtige nationale Leben aus betrachtet werden sollte. Von weltgeschichtlichen Gesichtspunkten her darf nun nimmer verschwiegen werden, daß das Galuth — diese nie ruhende Ursache all der grausamsten Schläge und Schmerzen, die wir erlitten haben, erleiden und erleiden werden — zugleich die Quelle wesentlichster Bereicherung und Vertiefung für das Judentum gewesen ist. Dem Galuth verdankt die jüdische Nation ihre letzte Zusammenfassung und Festigung, und im Grunde sogar die Rettung ihrer Existenz, die in der geschlossenen heimatlichen Einheit nur zu leicht der völligen Vernichtung durch die vielen übermächtigen Eroberer preisgegeben gewesen wäre. Dem Galuth verdankt das Judentum endlich die ungeheure weltgeschichtliche Befruchtung des jüdischen Geistes durch das glänzende Kulturphänomen Europa, das seinerseits so unendlich tief dem jüdischen Geiste und dem aus dessen Erlebnisreich geborenen Christentum verpflichtet ist. Der biblische Mythos hat der später europäisch gewordenen Nationenwelt des Ariertums ausdrücklich den Geburtsprimat zugestanden (Gen. 10,21). Älter sind die Japhetiden vor dem Menschengeschlecht zu nennen als die Söhne Sems, und gleichsam verkörpern sie die Tugenden der Erstgeborenen in ihrem Sein: Beherrschung, Bildhaftigkeit, Umsicht, Tatkraft, Wirklichkeitssinn. Ausgesprochen anders stellt sich der Sprößling späterer Genituren, das Judentum: Leidenschaft, Geistigkeit, Vorsicht, Willenskraft, Verwirklichungssehnsucht zeichnen den physisch schwächeren, seelisch gespannteren Typus aus, und in diesen Gegensätzen liegt schon hinreichender Grund zu der ewigen Anziehung und Abstoßung der beiden elementar verschiedenen Seinsarten der Menschheit. In den zwei Jahrtausenden, die das Judentum durch die Schule der gesamten Entwicklung Europas in unsagbaren Entbehrungen getrieben haben, ist dem jüdischen Volke allmählich auch das große Wesen der okzidentalen Wirklichkeitswelt aufgegangen; und obschon es den Kern dieser Welt — die Hypostasierung der reinen Wirklichkeit, des Kampfes, der Kraft — mit stets gleicher Leidenschaftlichkeit verneint und verworfen hat, hat es doch die eigene uferlose Verachtung der Wirklichkeit, der Disziplin, der Staatlichkeit, Heft 8. - 35