Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Galuth
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Meir Wienet: Haß und Verachtung 523 zentrifugalen Streben, das den eigenen Bestand des Judentums immer ernstlicher bedroht, mußte der Lebensinstinkt der Nation ein anderes entgegensetzen: das der erneuten Zusammenfügung zu einer geschlosseneren Einheit, Neben dem Galuthjudentum, dessen Sein nun in ein Stadium fortgesetzter Auflösungsgefahr getreten ist, erschuf sich die erstarkte Sehnsucht das Bild eines neuen Kerns der Nation, der im Urväterlande seinem eigenen Leben folgt, den Verstoßenen die wahrste Heimat, den Schöpferischen den befruchtenden Volksboden gibt: das Bild einer nationalen Formung, die den heiliggesprochenen Machtegoismus der modernen Völkerwelt in heiligem Zorn verwirft, und den Beginn einer neuen religiösen Ära zu verwirklichen den tiefstschwierigen Versuch machen will. Ein solcher Versuch würde schon die seelische Überwindung des Galuth bedeuten, auch wenn die faktische Aufhebung der Zerstreuung für absehbare Zeiten als ein Ding der Unmöglichkeit erkannt und anerkannt wird. Und erst durch diesen ganz bejahenden Versuch wird dem Judentum im Galuth der stärkend erhaltende Glaube neu belebt und begründet werden, daß seine Zerstreuung eine gottgewollte Bestimmung des Weltenschicksals ist, von der höchsten Bedeutung für sein eigenes, jetzt nur zu abstrakt gewordenes Sein, wie für das Sein der großen Kulturwelt der Nationen, die ohne das Judentum keine lebendige Dokumentierung ihrer heute so verschleiert gewordenen Einheit besitzen würde. Das Galuthjudentum wird auch dann fortfahren müssen, in unbeschränkter Hingabe und Liebe der umgebenden Heimat zu dienen, um sich das Recht der Zugehörigkeit zu einer wesentlich gebenden fremden Kultur immer neu zu erwerben. Dadurch aber wird es zugleich auch ungestört dem eigenen Volkstum dienen dürfen, das durch gewaltige Schöpfung seine Notwendigkeit im Leben der Geschichte erwiesen hat und wieder zu erweisen sich nun in der Geburtszeit einer neuen Weltumfassung anschickt. Herman Glenn HASS UND VERACHTUNG I. Wie merkwürdig! Ein Volk wird, soweit seine Geschichte zurückreicht, von allen glühend gehaßt. Die Hasser geben verschiedene Gründe an, sehr oft die einen das Gegenteil von denen der anderen, und doch versucht dieses Volk fast nie, die wahren Ursachen zu ergründen. Der Ägypter Manetho, Apollonius Molon, Plinius der Ältere, Tacitus, bis auf Chamberlain, alle sehen in uns „Atheisten", vielen anderen bedeutenden antiken und modernen Denkern gibt unsere übertriebene Religiosität zur Abneigung Anlaß. Manche antike Antisemiten begründeten ihren Haß mit unserem Auserwähltheitsdünkel, Hochmut, Ungeselligkeit und nannten uns Misantropen, Hasser des menschlichen Geschlechtes. Von ebenso vielen werden wir gehaßt infolge unserer kriecherischen Demut und Würdelosigkeit, und gleichzeitig macht man es uns zur Sünde, daß der Jude dem Nichtjuden nicht traue, von seiner Moral niedrig denke, daß der verachtetste, elendste Hausierer sich über den Grafen, der ihn würdelos behandelt,