Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Galuth
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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520 Herman Glenn: Spanien, Gallien, Westgermanien. Durch sein abweichendes religiöses Leben führt es den Völkern seinen Monotheismus vor die Augen und läßt sie mit der hohen Idee des Einen Allgottes vertraut werden, was aber nur in den seltensten Fällen — wie in Armenien (I. Jhd.) und Chosarien (VIIL—X. Jhd.), am Ost- Euphrat und an der Wolga — eine zeitweilige direkte Bekehrung ganzer Länder zur Folge hat: die europäischen Völker konnten eben ihrem ganzen Wesen nach unmöglich die Präponderanz einer einzigen, noch dazu entmächteten und so exklusiven Nation durch die Annahme ihres Glaubens anerkennen. Erst das entjudaisierte und übernational gewordene, deswegen auch vom Judentum heftig und bitter befeindete Christentum konnte hier ohne jene kategorische Hemmung seine Aufgabe, die Bildung eines neuen Abendlandes, erfüllen. Und es lag darin eine Tragik sonderbarer Art für das Vatervolk des Monotheismus, daß es daraufhin in seiner zentralsten Berufung für das Abendland anscheinend überflüssig geworden ist, nur noch die niedere wirtschaftliche Bindungsfunktion zur Ausübung übrig behielt. Wo aber auch diese Funktion durch die Eigenentwicklung der europäischen Nationen in stärkerem Grade unnötig wurde, entstand dem Judentum überall die eigentliche schlimme Not des Galuth, wie sie noch heute an allen Enden die materielle Existenz des jüdischen Volkes zu bedrohen und zu bedrücken fortfährt. . . . Es liegt im Wesen des stolzen Okzidents ein starker Hang zum extremen Partikularismus: bei den Einzelnen wie bei den Nationen, bei den Staaten wie den Stämmen. Das Mittelalter mit seinem kaum übersehbaren Souveränitätennetz zeugt ebenso dafür wie etwa die Struktur des modernen Deutschen Reiches, die durch Jahrhunderte erkämpfte politische Rechtsstellung des Europäers ebenso wie der ausgeprägte Individualismus seiner Geistigkeit. Demgegenüber lebte das Judentum dem Okzident beständig eine durch Zeiten und Länder gebundene, noch in der Zerrissenheit organisch zusammengehörige Gemeinschaft vor, die in der umgebenden europäischen Gesamtwelt trotz der stärksten Divergenzen immer eine faktisch natürliche Einheit im wirtschaftlichen* kulturellen und religiösen Leben sah, sich danach auch richtete. Und man würde fehlgehen, wollte man diese unterirdisch quellende physische und geistige Bindung als geringwertig ansehen, sowohl für die Vergangenheit wie für die lebendige Gegenwart. Für diese Bindung gab und gibt das Judentum der europäischen Völkerwelt, dem Galuth, unaufhörlich vom Besten, das es zu vergeben hat, Blut und Geist seiner begabtesten Söhne. Diese Völkerwelt nahm (und nimmt) und dankte nie, hielt Hohn und Gewalt für die richtigste Antwort, verneinte den Ursprung des Christentums aus dem zentralsten jüdischen Wesen und verneint vielleicht bald, wie es schon Vorläufer getan, wie es die neueste Geschichte in voller Wirklichkeit tut, das innere Wesen des Christentums selbst: Beweis genug für uns, daß die Existenz des Judentums, des Religionsvolkes, im heutigen Europa noch eine ernste und heilige Notwendigkeit ist — ob wir, ob Jene es wollen, oder nicht —, da alle genuinen Völker des Okzidents sich wieder in einem Prozesse der extremsten Absonderung voneinander befinden, die Macht der Religion allein aber die Einung wieder zu bewirken und zu erhalten imstande sein kann. Und haben auch wir nicht dem Galuth Immenses zu verdanken? Ist die Zerstreuung, von der höchsten nationalen Warte aus sub specie aeternitatis gesehen,