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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 519

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Galuth
Date
1921-01-01
Page
519 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Galuth Erst das Christentum nimmt den prophetischen Gedanken von der Gleichbürtigkeit aller Völker vor Gott entscheidend wieder auf, verdrängt dadurch, sich den verschiedensten Völkerindividualitäten anformend und einschmiegend, die exklusivere älteres Mutterreligion aus ihren schon gewonnenen Positionen, und erringt so jene unerhörten Siege über ganze Weltenreiche: während das ideenstrenge und vielfach starre Judentum eine solche Plastizität nicht aufbringen durfte, ohne sich selbst zu zerstören. Gleichwohl läßt sich nahezu überall, wohin später das Christentum eintrat, eine vorangehende jüdische Siedlungswelle nachweisen, wenn auch der Zusammenhang zwischen beiden häufig ein sehr weitläufiger und verborgener ist; und es gab zunächst Zeiten in Rom und seinen Provinzen, da man nur in den eingeweihteren Kreisen Christentum und Judentum genau zu sondern wußte, während die große Menge wie die offizielle Verwaltung beide als ungefähr synonym betrachteten, oder die Christen schlechtweg für jüdische Sektierer hielten. In den ersten drei Jahrhunderten der neuen Ära erfolgt im ganzen Okzident eine gewaltige Umwühlung und Neuschichtung der völkischen Mächte. Nur dem Namen nach ist der antike orbis terrarum, die peripheren Gebiete ganz ausgenommen, noch römisch; in Wirklichkeit regieren in brutalem Wechsel fremdvölkische Kohorten und ihre Imperatoren, während die schwachen Nachkömmlinge der altrömischen Adelsrepublik in einem erniedrigten Senat die Fortsetzung der traditionellen Geschichte nur noch vortäuschen, die vollendete Illegitimität der Soldatenherrscher nur legitim zu übertünchen helfen. Im Zusammenhang damit sind die sozialen Vorstellungen und Verhältnisse so ins Wanken gekommen, daß der sklavengeborene Illyrier Diokletian sich mit dem Purpurmantel umkleiden darf, um der Geschichte noch zum letztenmal das Beispiel klassischer heidnischer Imperatorengröße zu zeigen. In einer früher noch nie gekannten Not sucht jetzt die römische Welt nach neuen verschmelzenden Inhalten des Geistes und des Lebens, greift nach ägyptischen, syrischen, persischen Mysterien und Religionsinhalten, verehrt die großen einenden Naturmütter und daneben dea gemischtesten Götterkomplex, während die Soldaten sich aus dem sonnenanbetenden orientalischen Mithrasdienst eine Art Vorstufe zum Monotheismus zurechtlegen; bis der wiederum illyrische Constantin mit dem Instinkt des geborenen Herrschers in dem inzwischen zur verborgenen Macht emporgeschrittenen Christentum die stärkste Waffe einer höheren universalen Einigung herausfühlt und seine eigene Kaisergewalt zuletzt endgültig mit der neuen Religion verknüpft. In die transformierten antiken Kulturbereiche drängen sich dann weitere Völkerelemente hinein, zuerst die früher peripheren germanischen, dann die finnischen Stämme, und auch außerhalb der Entscheidung der Waffen müssen sie sich mit der so viel älteren und breiter basierten Kultur Spätroms auseinandersetzen und den machtgewährenden Anschluß an sie suchen — alle werden sie mit aus diesem Grunde christlich. Halb ohne bewußten Zweck, halb durch bloß materielle Beweggründe in neue Handelsgebiete gezogen, hat das Judentum diese Entwicklung mit vorbereitet, hat es zur gewünschten und welthistorisch gebotenen Verständigung zwischen den Völkern und Volksteilen des orbis vielfach die Wege geebnet. Häufig band es zunächst rein materiell, durch Vermittlung und Handel, wurde aber als willkommener und wesentlicher Hilfsfaktor angesehen: in Afrika, Italien,

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