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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 518

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Galuth
Date
1921-01-01
Page
518 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Herman Glenn: Die resolute Verneinung des Galuth scheint so auf allen Stufen der jüdischen Bewußtheit das am nächsten Gegebene, das Natürliche und Notwendige; sie bekundet dann deutlich den scharfen Gegensatz gegen die Halben und gar die Abtrünnigen, die aus der Einfügung in die Diaspora schließlich zur konsequenten Zerstörung ihrer Eigenwurzeln gekommen sind. Daneben aber lassen sich immer und überall im Geistesleben der Nation andersgerichtete Stimmen vernehmen, die gerade aus der Tiefe ihres jüdischen Eigengefühls in der Zerstreuung eine geheime und im eigenen Sinne tief begründete Notwendigkeit sehen, eine höhere und innerlich bedeutende Fügung. In mächtig harmonischer Kündung sprechen davon die Propheten: ,,Zu wenig, Du seiest Mir Diener, zu hegen die Stämme Jakobs, und Israels Reiser zu setzen. Und ich gab Dich zum Licht von Völkern, Meine Hilfe zu sein bis ans Ende der Erde . . . Also spricht der Herr, Israels Erlöser und Heiliger, zur geschmähten Seele, zum mißachteten Volke, zum Diener der Herrschenden." (Jesaia, 49, 6—7). Weit ältere Offenbarung schon, noch tiefer umspannend: „Gebenedeit werden durch Deinen Samen alle Völker der Erde" (Gen. 26, 4). „Und gesegnet werden durch Dich alle Geschlechter des Erdreichs" (Gen. 28, 14). Dies einige Zeichen nur aus den so vielen. Solche Worte aber sind bereits den Exilierten der ersten Jahrhunderte lebendigster Sinn, nicht bloß archaische Redewendung. Mit Eifer werben sie an allen Stellen, in Rom und Hellas, Ägypten und Syrien, Armenien und Mesopotamien, für ihre einziggeartete Lehre und erreichen in der immer mehr sich auflockernden antiken Kulturwelt ansehnliche Erfolge, trotz aller nationalen Hindernisse (da ja der Übertritt zum Judentum das Aufgeben der eigenen öffentlich bevorrechteten Nationalität mit sich bedingte). Tausende von Fremden suchen zu dieser Zeit das Heil im Monotheismus und seinem einzigen sichtbaren Vertreter, dem Judentum. „Alle zieht es heran und bekehrt es, Barbaren und Hellenen, Bewohner des Festlands und der Inseln, Völker des Ostens und des Westens, Europäer und Asiaten, die ganze bewohnte Welt von einem Ende zum anderen", so apologisiert der Alexandriner Philo das jüdische Gesetz in dieser Epoche. Als Bekenner Gottes halten sich die Juden jener Zeit in hergebrachter Weise für unendlich mehr als die umgebenden Heiden. Aber in ihren hellenistischen Schriften wagen sich bereits Bedenken gegen solche Selbstüberhebung hervor, blitzt schon häufig der Gedanke durch, daß diese Heiden — nach der Verheißung zudem noch künftige Bekenner des Monotheismus — zwar anders als die Juden sind, in diesem Anderssein aber den Gläubigen ebenbürtig sein können. Dadurch wird wiederum nur früheres, zu leicht überhörtes Prophetengut neu gehoben. „Seid Ihr Mir nicht gleich den Indern, Söhne Israels? — Ausspruch Gottes — Habe ich nicht Israel aus Ägypten geführt, gleich wie die Philister aus Kaphtor und die Aramäer aus Kir?" (Arnos 9, 7). Leise schleicht sich dann besonders in die sadduzäischen Kreise, die aber gerade dadurch sich von den unwandelbaren Urgründen ihres Volkes entfernen, der Glaube an die Lebenssuperiorität der weltlichen Mächte überhaupt, und damit die der ganzen weltlichen antiken Kultur über die jüdische ein. Noch auf dem Boden der Väter entwickelt sich so die eigentliche Galuthpsyche, die vor fremden Idolen geblendet niederfällt, der eigenen tieferen Ursprünge vergessend.

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