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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Volk oder Partei?
Date
1921-01-01
Page
516 (sequence 7)
Language
German
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5x6 Robert Weltsch: Volk oder Partei? ethische Forderung. Wenn man die Scheidung zwischen „menschlich" und „jüdisch" machen will, so müssen wir uns klar bewußt werden, daß wir unsere „menschlichen" Ziele den jüdischen Zwecken nicht unterordnen können. Um nochmals auf das von Bileski angeführte Zitat aus Delbrück zurückzukommen, heißt das, daß der Zionismus wirklich „regiert ist von allgemeinen Prinzipien, die nicht unbedingt der Staatsidee untergeordnet sind" („Staatsidee" unseren Verhältnissen gemäß in weiterem Sinne zu verstehen. Vgl. auch Buber, „Völker, Staaten und Zion", S. 33: „Ich aber verneine diese Welt, in der die Religion an der Ethik und die Ethik am Staat kontrolliert wird . . ."). Wenn wir uns in dieser Auffassung mit Menschen und Gruppen anderer Volksgemeinschaften begegnen, ist das eine Bestätigung, die uns unserem Volke nicht entfremdet; denn für uns kann das Ziel nur in unserem Volk erreicht werden, für jene in ihrem. Der Zionismus ist der Wille zur Schaffung eines Neuen, er erfordert Bruch mit dem Alten, der Trägheit und Gewohnheit; auch dort, wo die Trägheit jüdisch verbrämt ist und dadurch nicht reinlicher wird. Der Zionismus darf nicht dem Herdeninstinkt des Volkes, der in seiner Willenlosigkeit immer Abfall bedeutet, nachgeben; er darf aber auch nicht einen neuen Fetisch der Gemeinschaft mit dem uns von anderswo bekannten Apparat militaristischer Disziplin aufrichten. Er darf nicht an Stelle der heutigen Lüge eine neue Lüge setzen. Der Zionismus ist nicht das jüdische Volk. Er ist die Gruppe jener Menschen im Volke, welche das Gute über das Soziale, das Sittengesetz über das Gemeinschaftsgesetz, das Wollen über das Werden, den Geist über die Materie, die Idee über die Wirklichkeit stellt. Er ist die revolutionäre Partei im Judentum. Der Zionismus beginnt mit Techijath halwawoth, der Belebung der stumpf gewordenen Herzen. Das einzige Mittel, das wir haben, ist die Erziehung der Menschen zu einem höheren Wertbewußtsein, das die Schranken des sinnlichen, materiellen Egoismus durchbricht. Wer aber könnte sich vermessen, den höchsten Grad der Erkenntnis erreicht zu haben, daß er der Erzieher schlechthin sein könnte? Wir wissen, daß wir alle sinnlich beschränkte Wesen sind, aber wir dürfen uns nicht darauf einrichten; alles Leben ist ein Suchen: „Suchet mich, dann werdet ihr leben" und „So ihr mich von ganzem Herzen suchet, so will ich mich von euch finden lassen", spricht der Herr. Die Höhe des Volkes, die die Verwirklichung der zionistischen Idee voraussetzt, wird durch keine Erziehung erreicht werden können, sie wird das Werk religiöser Erneuerung sein müssen. Wird diese das Volk ergreifen, dann wird es keine Parteien mehr geben. 5. Der skeptische Historiker weiß, daß niemals ein Zustand der absoluten Gerechtigkeit erreicht wurde, daß alle sozialen Erscheinungen unter dem Gesetz der bedingten Entwicklung stehen. Auch ein Volk kann nur eine winzige Zeitspanne im Aufschwung zum Guten verharren; das Böse ist des Guten Zwillingsbruder und ewiger Gegenspieler, die „zwei Triebe" wohnen in der Menschenbrust, und der Kampf beginnt stets von neuem, solange die Zeit währt. Aber in der Welt des Absoluten, die keine Zeit kennt, behält jene Zeitspanne ihre Geltung, auch wenn die ihr entsprechende Welt verschüttet ward. Im Bewußtsein der Menschen jedoch ist nicht die „Entwicklung", nicht das zeitliche Geschehen,

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