Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Volk oder Partei?
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 517 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Herman Glenn: Gallith 517 sondern das absolut Gültige Wertmaß des Wollens und Handelns. Ein Ringen um das Gute wird es immer geben; auch in Zion wird es Zionismus geben, den Kampf gegen Machthaber, die „Zion mit Blut bauen wollen und Jerusalem mit Unrecht", — die Partei des reinen, wahren Zion. Die religiöse Erneuerung ist ein transzendentes Geschehen; wir können nur den Weg bahnen, die Herzen frei machen; säen. „Das Reich Gottes hat sich also, als wenn der Mensch Samen aufs Land wirft; und schläft und stehet auf, Nacht und Tag; und der Same gehet auf und wächst, daß er's nicht weiß; denn die Erde bringet von ihr selbst zum ersten das Gras, darnach die Ähren, darnach den vollen Weizen in den Ähren. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schicket er bald die Sichel hin; denn die Ernte ist da." z. Z. Budweis Robert Weltsch GALUTH*) Die Zerstreuung . . . Dem hellseherischen Blick der Propheten, die kaum erst die Anfänge solcher Möglichkeit miterlebt haben, war sie die unentrinnbare Nemesis der regelmäßig wiederkehrenden nationalreligiösen Undiszipliniertheit des gesamten Volkes, das die ihm von den Gewaltigen auferlegten geistig-ethischen Imperative auch nicht für kurze Dauer zu tragen vermochte. Diesem Volke selbst, das in allen Fährnissen und Wirbelstürmen des Exils an der prophetischen Verheißung einstiger Wiederkehr wie am Rettungsstern seiner Seele festhielt und heute noch festhält, war die erfolgte Zerstreuung nur eine neue Bestätigung der göttlichen Berufung seiner Propheten und seiner Religion, zugleich auch die Einkehr heischende Triebkraft zu einer neuen unzerstörbaren Einigung durch Lehre, Willen und Treue. Dem durchschnittlichen Juden der Neuzeit, der allmählich die üblichen neuzeitlichen Maßstäbe an das Sein auch des eigenen Stammes anzulegen sich gewöhnt hat — ohne zu merken, wie er dadurch die strahlend zeitlosen Werte des Judentums preisgab —, erscheint die Diaspora als Quelle des Ghetto mit all seiner Gedrücktheit und Erniedrigung, deren Zeugnisse ihm in der gesamten Exilgeschichte auf jeder Seite vernichtend entgegengrauen, deren auch jetzt noch allseitig sichtbare Zeichen ihm zur unerträglichen, beschämenden Last geworden sind, so daß er flieht und im Strom des großen fremden Geschehens unterzutauchen versucht, gleichsam nur noch im Verborgenen ein Jude bleibend. Der lebensdurstige, geistig hochgespannte, europäisch kultivierte Renaissancejude der neuen nationalen Entwicklung endlich sieht im Galuth gemeinhin das zu überwindende Übel, die durch Abkehr und neue Tat zu tilgende Schmach der späteren Geschichte des Volkes. *) Aus einer Anzahl uns im Lauf dieses Jahres zugegangener Aufsätze, die für die Bedeutung des Galuth für die jüdische Sache eintreten, haben wir drei einander in mancherlei Hinsicht ergänzende ausgewählt, von denen wir hier den ersten bringen; die beiden andern werden im nächsten Heft folgen. (Anm. d. Red.)