Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Volk oder Partei?
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 515 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Volk oder Partei? Doktrin einer abstrakten Gleichheit ihre Geltung. Die demokratische Gesinnung kann nur dann einen Sinn haben, wenn sie auf das Ziel einer gerechten Gemeinschaft gerichtet ist, in der der inneren Ungleichartigkeit der Menschen Rechnung getragen wird. Leopold Ziegler hat in einem von hoher Auffassung getragenen, warmherzigen und geistvollen Buch („Volk, Staat und Persönlichkeit", Berlin 1917) gezeigt, daß die organisierte Gemeinschaft sich aus der Sphäre einer nur der Notdurft und äußeren Zweckmäßigkeit gewidmeten Institution zur Höhe ethischer Berechtigung und Bewertbarkeit zu erheben vermag einzig durch die Idee der Gerechtigkeit, die im Gemeinschaftsleben zu verwirklichen ist. Die Idee der Gerechtigkeit erschöpft sich aber nicht in der schablonenhaften „Gleichheit vor dem Gesetz", sondern erfordert, daß alle Macht in den Dienst des lebendigen Geistes gestellt werde. Darum hat die jüdische Auffassung die absolute Gerechtigkeit nur Gott zugebilligt, und die gottbegeisterten Männer, deren Charakter nicht Herrschaft durch Gewalt, sondern durch Demut ist, „Gerechte" genannt. Die mit der Last ihrer Tradition beladene und von Zwecken geleitete Gemeinschaft ist gerade durch die Übung des formalen, abstrakten Rechtes meist ungerecht gegen die freie Persönlichkeit. Nur eine Gemeinschaft, die den Maßstab ethischer Bewertung anlegte, könnte sich dem Ideal der Gerechtigkeit nähern; sie wird sich auch vor der Freiheit der Persönlichkeit, vor der freien Entfaltung des Geistes und des Menschentums, in Ehrfurcht beugen. Dieses höhere Recht ist es, auf das die Propheten die Erde gründen wollten; sein Gegensatz ist das bisher in jeder Gesellschaftsordnung geltende Prinzip der Gewalt, selbst wenn — wie so oft — der Machthaber sein Werk mit dem Hinweis auf das Wohl der Gemeinschaft stützt. Der jüdische Gemeinschaftsegoismus war stets nur nach einem gerichtet: das Volk sollte, als auserwähltes, als erstes vor Gottes Thron bestehen können. Der Zionismus kann sich nicht darauf beschränken, nationale Formen nach dem Beispiel der andern Völker zu erstreben. Nicht daß das Volk in Palästina lebe und hebräisch spreche, nicht dies allein, was uns auf dem Friedenskongreß geschenkt werden kann, ist unser Ziel, sondern nur was wir einzig selbst erreichen können: daß dieses neugeborene Volk auch im tiefsten Sinne der Propheten neugeboren werde, daß es anders und besser lebe als die andern Völker. Es genügt auch nicht, daß die Menschen als Volk leben und die Zwecke der Gemeinschaft fördern, so hoch speziell wir Juden einen derartigen Zustand gegenüber dem jetzigen der auseinanderstrebenden egoistischen Zwecke schätzen müßten. Vielmehr müßte jeder Einzelne sich seiner Verantwortung nicht nur vor dem Volk oder Staat, sondern vor der Ewigkeit bewußt sein. Hier sind deutliche Grenzen der Gemeinschaft, die zu übersehen unser Verhängnis sein könnte. Die Gefahr liegt sehr nahe, weil gerade politische Verbände einen hohen Grad von „Disziplin" fordern. Aber — um die Worte des im Kriege gefallenen Philosophen Emil Hammacher (zitiert von Leopold von Wiese in der Neuen Rundschau, April 1917) zu gebrauchen —: „Das sozial Überpersönliche ist nicht zugleich das metaphysisch Überpersönliche." „Sozial zu sein ist nicht dasselbe wie gut oder vor Gott gerecht zu sein." Es ist notwendig, sich darauf zu besinnen, daß jeder Mensch nicht nur d*s „Gemeinschaftstier" des Aristoteles, sondern auch ein selbständiges, sittliches wesen ist. Der Zionismus ist nicht nur eine nationale Sache, sondern eine