Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Volk oder Partei?
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 514 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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5i4 Robert Weltsch: würde nicht aufhören eine Partei zu sein, selbst wenn der Friedenskongreß uns Palästina zuweist und — wie es jetzt in Amerika der Fall zu sein scheint — einige Großkapitalisten ihr Interesse der Sache zuwenden. Der Zionismus darf nicht auf seine sittliche Forderung verzichten, um weitere Kreise zu gewinnen; was hülfe es ihm, so er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Daß der Gegenstand zionistischer Politik immer das Volk ist, darf uns nicht irre machen; wir müssen uns von der falschen Vorstellung befreien, daß eine Partei nur ihre privaten Sonderinteressen vertrete, also die Agrarier die Interessen der Landwirtschaft, die Sozialdemokraten die der Arbeiterschaft usw. Dies ist eine Entartungserscheinung des politischen Lebens; im Grunde ist das Wesen der Partei darin gelegen, daß sie eine bestimmte Anschauung darüber repräsentiert, wie das Volk sein soll. Deswegen entbrennen die Kämpfe der Parteien. Moritz Heimann hat jüngst in der „Neuen Rundschau" in einer tiefgehenden Abhandlung den Wert des allgemeinen Wahlrechts darin gefunden, daß dadurch „nicht das Interesse, das immer mündig ist, sondern der von der Einsicht geleitete und auf das Wohl des Ganzen gerichtete Wille zur Grundlage der primären politischen Betätigung gemacht ist". In der idealen Welt wäre das Volk einig, denn „das Gute" kann nur eines sein. In der irdischen Welt, wo der Blick getrübt ist, wird es immer Parteien geben. Trotzdem ist es schon ein unermeßlicher Fortschritt, wenn die politische Tätigkeit wirklich durch das Streben nach dem Guten geleitet wird. Das setzt allerdings eine ethische Höhe des Volkes voraus, die bisher nirgends erreicht wurde. Der Sinn der „Demokratie" kann nicht der sein, daß die Stimme der Vielzuvielen über das Schicksal des Volkes entscheidet; allzu nahe liegt es, daß dann niederste Triebe, panis et circenses, die leitende Macht werden. Keine Demokratie kann das Volk erlösen, wenn nicht der Geist in ihm lebt. Vox populi ist nur dann vox Dei, wenn dieser Gott in den Herzen wohnt. Der Zionismus hat sich die Formel von der Demokratie zu eigen gemacht; wir sind aber noch weit von dem Zustand entfernt, wo die Demokratie allein die Bürgschaft des rechten Weges ist. Aber daß sie verlangt, daß jedes Glied des Volkes überhaupt einen Willen bekunde, daß es sich als verantwortliches Individuum erkenne und nicht dem Walten der Mächte sein und der Welt Geschick anheimgebe, das ist eine erschütternde Wirkung, die wenigstens Hoffnung gibt. 4- Keine nationale Bewegung darf, soll sie nicht irre gehen, an der Grundtatsache des Menschenlebens vorbeisehn, daß das Letzte und Höchste allen bewertbaren Seins nur vom Zentrum der individuellen Persönlichkeit erreichbar ist. Wie weit sie in ihrem Wesen durch soziale Momente bestimmt ist, soll hier nicht untersucht werden. Auch für das Entstehen des Genies mögen sich, theoretisch, die Bedingungen, „Ursachen", regressiv feststellen lassen, obzwar das mit unseren Mitteln nicht gelingt. Die Geschichte der Menschheit würde uns sehr armselig dünken, wenn das Gemeinsame, Gesetzmäßige, und nicht vielmehr die unendliche Mannigfaltigkeit des Einzigartigen, Unvergleichlichen ihr Bild bestimmte. Unser Blick haftet nicht an der Gleichheit, sondern an der Eigenart der Menschen; das Heilige, das in jeder einzelnen Menschenseele wohnt, ist der Gegenstand unserer Verehrung. Vor dieser Tatsache verliert auch die politische