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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 513

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Volk oder Partei?
Date
1921-01-01
Page
513 (sequence 4)
Language
German
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Volk oder Partei? 513 unserer Betrachtung nicht zum Volk zu rechnen seien. Diese Assimilanten, die die Synagogen und Kultusstuben füllen, kleben so sehr an ihrem zurechtgemachten Judentum, dßß sie sogar im Namen des gesamten Judentums zu sprechen pflegen. Auch sie wollen also das ganze Volk sein oder gebärden sich wenigstens so. Wenn man nun die Frage aufwirft, welches Verhalten für das jüdische Volk das angemessenere oder das ethischere, oder im Hinblick auf ein letztes Ziel, etwa das Heil der Menschheit, das wünschenswertere ist, werden die „Assimilanten" genannten jüdischen Gruppen ein gewaltiges Rüstzeug von Argumenten, Missionsideen u. ä. herbeischleppen, und wofern die Zionisten das gleiche tun, so wird sich zeigen, daß beide Ansichten gleich „beweisbar" sind; es kommt eine jener berühmten Antinomien heraus, die durch die Regeln der Logik und Syllogistik nicht entschieden werden können. Bestimmend wird für den einzelnen Menschen nicht der „Beweis", sondern die Idee, die einer überempirischen Seelenschicht angehört. Die Zionisten sind eben diejenigen Juden, die nicht wollen, daß ihr Volk so weiterlebe wie bisher, und die ihm die Grundlagen für ein neues, nach ihrem tiefsten Glauben besseres Leben schaffen wollen. Würden sie sich selbst nur als „Partei" bezeichnen, die ihre eigenen materiellen Interessen verfolgt, sie würden vielleicht als sonderbare Schwärmer belächelt werden, aber kaum irgendeinen besonderen Widerstand finden; daß sie aber mit dem Anspruch der ausschließlichen Geltung der Idee für das ganze Volk auftreten, das bringt sie in Gegensatz zu den anderen Gruppen und macht sie — so paradox es klingt — zur Partei. Es ist ein Irrtum, daß der Zionismus nur schlechthin die formalen Bedingungen für das Volk schaffen wolle. Den Assimilanten oder den autonomistischen Parteien entsprechen die gegebenen Bedingungen, oder sie wollen sie nur modifizieren. Der Zionismus will sie von Grund auf umwandeln, entsprechend seinem Weltbild vom normalen Leben des Volkes. Ein abstrakter leerer Begriff von nationalen Formen ist ja nur das Werkzeug der Dialektik; nur ein konkret vorstellbarer und vorgestellter Inhalt vermag zu sich hinzureißen, jenen Enthusiasmus zu erzeugen, ohne den Zionismus nicht möglich ist. Zionismus ist für den Zionisten der absolute Wert, andern jede Vorstellung von den Formen des Lebens des jüdischen Volkes gemessen wird. Daß uns Zionisten diese Wahrheit von den einzig richtigen Formen nationalen Bestandes offenbar geworden ist, das hindert nicht, daß in den empirischen Auffassungen vieler jüdischer Menschen noch irgendwelche sonst „mögliche" Formen als annehmbar, ja erstrebenswert erscheinen. Der Zionismus aber ist so streng, so unerbittlich in seiner Forderung an das jüdische Volk wie nur eine Idee; er kann nicht andere Möglichkeiten neben sich anerkennen, kann weder Bedingungen noch Konzessionen machen, am allerwenigsten an irgend etwas „Bestehendes". In diesem Sinne konnte metaphorisch gesagt werden, der Zionismus sei das Gewissen des jüdischen Volkes. Nicht als ob die kollektive Einheit des Volkes ein Gewissen haben könnte, sondern weil jedes einzelne Individuum des Volkes diese fordernden Stimmen an sich gerichtet hört und jedes Einzelnen Gewissen nun eine Entscheidung fordert, in jenem höchsten geistigen Sinn, der keine Verhandlungen zuläßt Wer das bewußte Gestalten der Wirklichkeit durch die Kräfte des menschlichen Geistes nicht zugibt und irgendeine Entwicklung nach biologischen oder ökonomischen „Gesetzen" abwartet, der wird nicht Zionist werden. Der Zionismus ist also eine Partei im Volke, obwohl das Heil des Ganzen ihr Ziel ist, und er

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