Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Volk oder Partei?
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 512 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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512 Robert Weltsch: nur der sein, dem mit überwältigender Deutlichkeit ins Bewußtsein getreten ist, daß das gegenwärtige Leben des jüdischen Volkes Verirrung und Lüge ist, und der diesen unerträglichen Zustand ändern will. Der Zionist, der an seine Idee glaubt, will erreichen, daß das ganze Volk zu derselben Einsicht kommt Ob das aber zutrifft, ist für den Bestand der Idee völlig irrelevant; er kann keiner Majorität preisgeben, was er als evident richtig erkannt hat. Das Volk ist eine durch Naturtatsachen gebildete Menschengruppe, dessen große Mehrheit ihr animalisches Leben nach den Naturgesetzen der Trägheit, der Anpassung und Triebhaftigkeit abwickelt. Es ist nur natürlich, daß es seiner jeweiligen Daseinsform verknechtet ist und einem Eingriff, der diese völlig umwandeln will, Widerstand entgegensetzt. Es bedarf einer höheren Macht, um es zu erschüttern; Gott selbst muß in Donner und Sturm vom Berge herab seine Stimme ertönen lassen, und auch dann noch wird das Volk hinter dem Rücken dessen, der mit Gott gesprochen hat, in seine gewohnte Verehrung des Sichtbaren, Greifbaren — des erprobten materiellen Wertes — zurückfallen. Aber es wird in diesem Volke Menschen geben, die Gottes Ruf verstanden haben und die er nicht mehr ruhen läßt; es sind diejenigen, die aus ihrem persönlichen Erlebnis heraus die ganze Kraft der sittlichen Forderung zur Entscheidung geführt haben und deren „Gewissen" sie nun auf den Weg weist. Diese Menschen finden einander, sie kommen aus gleicher Not und erkennen das gleiche Ideal als rettendes Bild; denn die Idee, die einmal geschaffen und ausgesprochen ward, bietet sich der nach Erlösung suchenden Seele nun in ihrer ganzen Überzeugungskraft. So entsteht eine Gruppe von Menschen mit gleichem Ideal und gleichem Willen, gewissermaßen ein kollektiver Wille, eine lebendige, durch den Geist verbundene Gemeinschaft. Diese Gruppe kann, unter günstigen Umständen und in größten Augenblicken der Weltgeschichte, sich zum ganzen Volk erweitern, wenn die Menschen des Volkes die sittliche Höhe haben, die zu solchem freien Wollen erforderlich ist. Es kann aber andererseits auch ein einzelner Mensch bleiben, ein großer Einsamer, der trotzdem die vielfältig auseinanderstrebende Entwicklung des Volkes durch die Größe seines Wollens in seine Richtung zwingt. Zum Begriff des Zionismus kann keinesfalls gehören, daß er das jüdische Volk umfaßt. Sein Träger ist vielmehr eine Gruppe (oder Partei, wenn wir politisch reden), er ist „Sear haplethah", der „Rest", von dem der Prophet spricht. Der Rest, der kein Ende, sondern ein Anfang ist. Der Zionismus ist eine sittliche Gemeinschaft, keine natürliche, wie das jüdische Volk. Um zusammenfassend diese Anschauung zu formulieren, möchte ich Gustav Landauers Definition des Sozialismus für den Zionismus anwenden: Zionismus ist die Willenstendenz geeinter Menschen, um eines Ideales willen Neues zu schaffen. 3- Der Gegenstand des Zionismus ist allerdings das Volk in seiner vollen Ausdehnung. Der Zionismus erhebt den Anspruch, für das ganze Volk richtunggebend zu sein. Aber ebensowenig wie die Wahrheit, die für alle Denkprozesse richtunggebend ist, verhindert, daß immer wieder Irrtum entsteht, ebensowenig verhindert der Zionismus, daß immer wieder große Teile des Volkes ihn ablehnen. Es ist nicht richtig, daß die Assimilanten, die den Begriff der jüdischen Nation nicht anerkennen und sich damit schon selbst gedanklich ausschalten, bei