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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 511

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Volk oder Partei?
Date
1921-01-01
Page
511 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Volk oder Partei? SU theoretische Feststellung, sondern ein Gebot praktischer 'Politik, fast wäre man versucht zu sagen: taktischer Natur, eine Art Mahnung zum „Burgfrieden" im Interesse der Erreichung des Gemeinsamen, Umfassenden. Der Zionismus aber als Ganzes — so wird behauptet — ist kein partieller Bestandteil des jüdischen Volkes, er ist das jüdische Volk selbst, denn der Gegenstand seiner Politik ist das Volk als Ganzes. Hier nun möchte ich den Weg Bileskis verlassen und mich auf eine andere Ebene begeben, wo es nicht auf das Objekt, sondern auf das Subjekt des Zionismus ankommt. 2. Der Zionismus ist nicht nur eine politische Bewegung, er ist vor allem eine geistige und sittliche Angelegenheit. Als solche muß er, wenn anders überhaupt auch seine Äußerungen von einigem Belang sein sollen, unmittelbar erlebt werden. Jedes Erlebnis aber, mag es noch so sehr aus sozialen Motiven entsprungen und in seiner Färbung und Tönung vom Milieu abhängig sein, ist ein einzigartiger Vorgang in der Seele des Menschen, des einzelnen Menschen, den es erschüttert und bestimmt. Von ihm empfängt der Mensch den Impuls zum Handeln. Das bedeutungsvollste Erlebnis aber ist die Erkenntnis einer transzendenten Wirklichkeit, die dem axiologischen Bewußtsein für alles Seiende normgebend ist, jener Welt, die entsprechend der Dreiteilung der seelischen Funktionen als die Welt des Wahren, Guten und Schönen bezeichnet worden ist. An der Vollkommenheit dieser ausschließlich geltenden Ideale, auf deren Annahme sich die Weltanschauung aufbaut, muß der Mensch seine seelischen Tätigkeiten messen, und ihr Organ ist das Gewissen genannt worden. Jede Verpflichtung, die ich fühle, jede Aufgabe, deren Erfüllung für mich sittliche Pflicht ist, beruht auf der Erkenntnis der Spannung zwischen Wirklichkeit und Idee, auf der Erfahrung, daß noch viel zu tun ist, damit Verirrung und Abfall, das Böse und die Lüge in all ihren tausend Gestalten aus der Welt verschwinden; gerade dies aber muß mein Wille sein, der in seinen Äußerungen wieder tausendfach irren und vom Gewissen an die geltenden Normen gemahnt werden wird. Dieses Irren ist Menschenschicksal, mein, dein Schicksal; das Gewissen ist der ureigenste Besitz jeder Persönlichkeit. Der sittliche Wille ist wie das Gewisssen und wie das Erlebnis ein Phänomen des Individuallebens. Das sittliche Bewußtsein des Individuums mag seine Motive aus interpersonalen oder kosmischen Beziehungen empfangen; in seiner Entscheidung ist es suverän. Wir dürfen uns durch das üblich gewordene Denken in sozialen Kategorien nicht verführen lassen, einer von außen abgesteckten Mehrheit von Menschen die Fähigkeit der an das Individuum gebundenen sittlichen Funktionen zuzuschreiben. Kehren wir nun zur Frage zurück, wer Subjekt des Zionismus sein kann. Der Zionismus ist nicht ein naturgesetzlich gegebener Bestandteil jedes Menschen bzw. jedes Juden; er ist nicht von der Geburt bedingt wie etwa die Zugehörigkeit zur Familie und zum Volke. Zionismus ist der Wille zur Schaffung von etwas, was nicht da ist. Er ist eine Regung des schöpferischen Geistes, in dessen Reiche die Ideen geboren werden. Die Idee ist die bewegende Macht für den Willen, sie ist die immanente Forderung, daß die Wirklichkeit durch die Tat des Menschen n*ch dem Ebenbild der Idee gestaltet werde. Nur wer die Idee erfaßt hat, wer die Unzulänglichkeit der Wirklichkeit im Hinblick auf die Idee durchschaut hat, der wird die Umgestaltung der Wirklichkeit wollen und tun. Zionist kann also

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