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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 509

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Der Preis
Date
1921-01-01
Page
509 (sequence 5)
Language
German
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Der Preis 509 von der Gefahr und ihrer Behebung wie Axiome hin, die keiner Begründung bedürfen. Ich ziehe vor, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Zum ersten: Wie in dieser Zeitschrift wiederholt*) dargelegt worden ist, steht eine größere Abwanderung polnischer Juden nach Deutschland nicht zu erwarten. Man lese dort die statistischen Angaben nach, die beweisen, daß eine Massenauswanderung der Juden aus dem Königreich Polen auqh bisher nicht stattgefunden hat, und die soziologischen Feststellungen, aus denen hervorgeht, daß Deutschland überhaupt auf die ostjüdischen Massen als solche keinen Immigrationsanreiz auszuüben vermag. Seit der russischen Revolution ist diese „Gefahr" vollends geschwunden, da ein freies und aufstrebendes Rußland eine weit größere Anziehungskraft ausüben wird. Zum zweiten: Der Osten ist das große Becken, aus dem sich das westliche Judentum, und darunter auch jenes deutsche Judenpatriziat, stetig erneuert. Dieses Patriziat unterscheidet sich von den meisten andern durch das rasche Tempo seines Verfalls; die Familien sind in der Minderheit, in denen die dritte Generation nicht bloß kultiviert, sondern auch schaffensfähig sich erhalten hat. Den gleichmäßigen Kräftezuwachs erhält diese Schicht aus dem langsamen Zustrom „aufstiegseifriger Menschen" aus dem Osten. Wie sollte sie, die ja für das geistige Leben Deutschlands so „unendlich viel bedeutet", wie sollte sie — wofern sie über den augenblicklichen Nutzen und Schaden hinaus den dauernden zu betrachten vermag — diesen sie nährenden Strom als für Deutschland bedrohlich betrachten? (Er mag neben Positivem allerlei Negatives mit heranspülen, gewiß; dann tut hier — wie überall — Auswahl, nicht generelle Ablehnung, Prüfung der Einzelnen, nicht Verwerfung des Ganzen not.) Zum dritten: Man möchte, wenn man Schefflers Sätze liest, meinen, die deutschen Juden hätten die Macht oder einen Teil der Macht, „die offenen Pforten gegen den Osten zu schließen". Mir ist von einer solchen Macht der deutschen Juden nichts bekannt. (Eine Macht hätten sie immerhin: dem Deutschen Reich vor dem Ausland das Odium einer Grenzsperrgesetzgebung durch ihre Billigung abzunehmen; aber darum kann es Scheffler doch wohl nicht gehen.) Also zum ersten ist der Dienst, den die deutschen Juden Deutschland leisten sollen, überflüssig, zum zweiten ist es gar kein Dienst, und zum dritten liegt es gar nicht in ihrer Macht, ihn zu leisten. Diese ganze Deutschland von den polnischen Juden drohende Gefahr und ihre Behebung durch die deutschen Juden erweist sich als unwirklich; wirklich bleibt einzig die Absicht: die deutschen Juden sollen auf die Probe gestellt werden, ob sie sich würdig zeigen, die Gabe zu empfangen, die ihnen „nicht versagt werden kann". Sagen sie sich von ihren östlichen Brüdern los, dann winkt ihnen — soweit Karl Scheffler und die ihm Gleichgesinnten darüber zu verfügen haben — der köstliche Lohn. Merkt Scheffler nicht, wie schimpflich für beide Teile solch ein Auf-die- Probe-stellen wäre? Wie bedenklich es ist, einer Menschengruppe zu verkünden, von ihrer Entscheidung in einem konstruierten Gewissenskonflikt hänge es ab, ob ihr das Recht wird? Setzt einen rechtschaffenen Juden in Amt und Würden ein, und er wird in einem Gewissenskonflikt, wie jeder rechtschaffene Mensch — es gibt wahrlich *) x. Jahrgang, S. 19fr., 278 ff.

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