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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 508

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Der Preis
Date
1921-01-01
Page
508 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Martin Buber; gegebenen Augenblick mehr als Deutscher oder als Jude empfindet Hier ist der Punkt, um den die ganze Frage sich dreht." Ja, hier ist der Punkt, um den die ganze Frage sich dreht. Der Punkt nämlich, in dem die Verkehrtheit und Unersprießlichkeit der üblichen deutschen Stellungnahme sich am deutlichsten kundgibt. Nur ein Land, das Mißtrauen hegt, legt Grund zu neuem Mißtrauen; nur ein Land, das mit der Erteilung bürgerlicher Rechte und Freiheiten wartet, bis es sie nicht mehr vorenthalten kann, gerät in Furcht vor ihren Folgen. Wann hätte England sich je bedacht, einen Juden zum Minister zu machen, weil er für die — sagen wir: für die deutschen Juden mehr empfinden könnte als für alle anderen Deutschen? Es vertraute und behielt recht; es fragte nicht nach Empfindungen, sondern nach Handlungen und behielt recht und mehr als recht; denn der in eine Obliegenheit eingesetzte Jude übertrieb in einem Gewissenskonflikt eher seine Pflichttreue. Deutschland aber glaubt auf Herz und Nieren prüfen zu müssen — und muß es eben deshalb, und nur so lange, als es das glaubt. Scheffler begnügt sich jedoch nicht damit, die abstrakte Forderung zu formulieren; er wendet sie auch gleich auf eine aktuelle Frage an. Er weist auf das neuentstandene deutsche Judenpatriziat hin, ,,das für unser geistiges Leben unendlich viel bedeutet" und dessen Aristokratisierung, d. h. Eindeutschung immer noch fortschreite. „Nun erscheint," so sagt er, „diese wohltätige Entwicklung aber in Frage gestellt, weil der Krieg Pforten des Ostens geöffnet hat, durch die ein neuer Strom aufstiegseifriger Menschen und vor allem jüdischer Menschen in Deutschland einzubrechen droht. Wenn das geschieht, so ist das Patriziat der deutschen Juden, das heißt also ihr Deutschtum, schwer bedroht. Es liegt darum in ihrem eigensten Interesse, eine Politik zu machen, die sich insofern auch gegen ihre Stammesgenossen richtet, als sie versucht, die offenen Pforten gegen den Osten zu schließen, eine Politik, die nur auf die Bedürfnisse Deutschlands Rücksicht nimmt. Damit ist die Entscheidung über die Gleichberechtigung, über den Einfluß, über die Regierungsfähigkeit des deutschen Judentums, ja über sein ferneres Schicksal, vor allem in seine eigenen Hände gelegt." Diese Sätze entbehren der eindeutigen Klarheit. Sollen die deutschen Juden Grenzschutzpolitik machen, weil die Einwanderung von Ostjuden ihnen, oder weil sie Deutschland gefährlich ist — sollen sie dabei auf ,,die Bedürfnisse Deutschlands" oder auf ihr eigenes „Patriziertum" bedacht sein — oder beides? Anscheinend beides. Heißt das aber nicht, Selbstverleugnung mit Selbstsucht in einer wunderlichen, in einer sittlich nicht zu rechtfertigenden Weise vermischen? Die deutschen Juden sollen ihre polnischen Stammesgenossen in Bausch und Bogen verleugnen — um Deutschlands willen, zugleich aber um ihrer eigenen Position willen; sie sollen Deutschland einen Dienst leisten und dabei selbst ihren Vorteil finden. Was da empfohlen wird, mag vielleicht eine kluge Geschäftspolitik sein; es erscheint mir wie die Übertragung jenes Kriegslieferantenidealismus des Herrn Kranz in Wien, der mit seinen Bierlieferungen „dem Staate einen Dienst leisten wollte", in eine höhere Sphäre; einen „Entschluß zum Unbedingten", wie Scheffler es nennt, vermag ich darin wahrhaftig nicht zu erblicken. Geht es denn aber um einen wirklichen Dienst, den die deutschen Juden mit der Politik, „die sich insofern auch gegen Stammesgenossen richtet", Deutschland leisten könnten? Scheffler erklärt sich nicht darüber; er schreibt seine Sätze

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