Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Kulturwert des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 485 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kulturwert des Judentums 485 Wem die Erhaltung des Judentums am Herzen liegt, der muß vielmehr mit dem Dichter sagen: „Die Schmerzen sind es, die ich zuhilfe rufe Denn sie sind Freunde, Gutes raten sie." Unsere gemeinsamen Leiden sind für uns zu einer geradezu unversieglichen Kraftquelle geworden. Sie haben die im Wesen unserer Religion bereits angelegte Konzentrationskraft des Geistes noch im hohen Grade vermehrt, insbesondere aber die unserem Stamme innewohnende Anpassungsfähigkeit ganz ungemein gesteigert. Das hat zwar nicht selten auch traurige Folgen gehabt und Eigenschaften gezeitigt, die wir nicht gerne sehen und auszumerzen bemüht sein müssen. Von diesen will ich aber heute nicht sprechen. Vielleicht findet sich ein andermal Gelegenheit dazu. In diesem Zusammenhange will ich nur darauf hinweisen, daß die gemeinsamen unsagbaren Leiden unsere Kräfte gestählt und uns zu den hohen Kulturleistungen befähigt haben, auf die wir mit Stolz hinweisen dürfen. 4- Diese Kulturleistungen bilden nun selbst wieder ein überaus wichtiges Moment, das uns in der Überzeugung vom Kulturwert des Judentums zu bestärken vermag. Seit dem frühen Mittelalter haben die Juden der Diaspora tatkräftig an der Entwicklung der abendländischen Kultur, an der Wissenschaft, am wirtschaftlichen Leben, an der Technik, an Kunst und Literatur mitgearbeitet. Eine urkundenmäßige Darstellung dieses jüdischen Anteils steht leider noch aus. Es wäre eine dankenswerte und würdige Aufgabe unserer wissenschaftlichen Vereine, diese Arbeit in Angriff zu nehmen. Jedenfalls aber dürfen wir schon heute darauf hinweisen, wie viel die Juden im Mittelalter durch ihre Übersetzertätigkeit dazu beigetragen haben, daß griechische und arabische Denker dem Abendlande bekannt wurden. Wir wissen auch, wie sehr die Weltanschauung Spinozas Goethe und Herder zu begeistern vermochte und wie tief dieser jüdische Denker auf Schelling und Hegel eingewirkt hat. Wir werden auch nicht vergessen, daß die sozialistische Bewegung, gewiß einer der größten Kulturfaktoren des neunzehnten Jahrhunderts — das geben auch ihre Gegner zu — von Lassalle die agitatorische Kraft und von Marx die wissenschaftliche Grundlage erhalten hat. Auch die aus dieser Bewegung hervorgegangene neue Wissenschaft von der menschlichen Gesellschaft, die Soziologie, ist in Frankreich, in Deutschland und in Österreich ganz besonders stark durch die jüdischen Forscher gefördert worden. Auch der Anteil der Juden an der Literatur, an der Kunst und an der Kritik berechtigt uns zu sagen, daß wir an der Kulturarbeit der Völker, in deren Mitte wir wohnen, unseren vollgemessenen Anteil geleistet haben und noch leisten. 5. Diese Kulturleistungen beweisen, daß die Juden immer dort zu finden sind, Wo es sich um die Förderung des menschlichen Fortschrittes handelt. Der Gedanke der Humanität, d. h. der Wertschätzung des echt Menschlichen bei allen Völkern, der Gedanke, der uns emporhebt über die Schranken der Nationalität und Konfession, findet nirgends beredtere Anwälte, nirgends über- 2eugtere Anhänger als bei den Juden. Solange also das Judentum besteht, so