Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Kulturwert des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 484 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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484 Wilhelm Jerusalem: sehen, die Italiener, die Tschechen, die Polen, die Madjaren, die alle besinnen sich auf ihre Nationalität und sind dafür begeistert. Wir machen doch den Gojim so vieles nach, warum eignen wir uns nicht auch diesen Gedanken an." Smolenski hat bekanntlich das wichtigste Organ des jüdischen Volkstums, die hebräische Sprache, mit großer Meisterschaft beherrscht und schon deshalb lag ihm der nationale Gedanke besonders nahe. Tatsächlich aber lag die Idee in der Luft und wurde von den Juden zuerst dort aufgegriffen, wo sie geschlossen wohnten und sich seit jeher als ein von der Umgebung verschiedenes Volk gefühlt hatten. Die antisemitische Bewegung in Deutschland und Österreich hat nun allerdings viel dazu beigetragen, der zionistischen Idee auch bei den Westjuden Eingang zu verschaffen. Da traten vielfach Männer an die Spitze der Bewegung, die der freidenkerischen Richtung angehörten, und auch die akademische Jugend, die sich voll Begeisterung anschloß, war vielfach bereits in einer religionslosen Atmosphäre aufgewachsen. So bildete sich ein unreligiöser, zum Teil sogar antireligiöser Nationalismus heraus, der, wie ich glaube, auch heute noch zahlreiche Anhänger hat. Ich habe mich infolge meiner Eigenart, meines Bildungsganges und meines Verhältnisses zur deutschen Wissenschaft einer solchen Bewegung niemals anschließen können, erblicke darin aber trotzdem einen neuen Beweis für die innere Lebenskraft des Judentums, daß an der Stelle des ermatteten religiösen Gefühls ein neues Lebenselement aus sich hervorzubringen vermag. Auf die Dauer aber lassen sich im Judentum Nationalität und Religion nicht trennen. Wir sind nur insofern ein Volk, als wir Gottes Volk sind. Je tiefer wir uns in unser Volkstum versenken, desto sicherer und desto stärker wird uns die religiöse Wurzel unserer nationalen Einheit erfassen. Immer deutlicher muß da der theokratische Charakter von Judas Volk und Staat hervortreten, immer fester werden dann die beiden Herzenstriebe, die tatsächlich nur ein einziger Trieb sind, miteinander verwachsen. 3- Aber auch diejenigen unter den Juden, die weder für unsere Religion noch für unsere Nationalität ein tieferes Verständnis und ein empfängliches Gemüt mitbringen, werden mit uns durch ein Band zusammengehalten, das auf noch lange Zeit geeignet ist, uns fest aneinander zu knüpfen. Wir sind nicht nur eine Glaubens- und Volksgemeinschaft, wir sind vor allem andern seit vielen Jahrhunderten eine große Leidensgemeinschaft. „Von Geschlecht zu Geschlecht" heißt es in der Haggada für das Osterfest, „stehen sie wider uns auf, um uns zu verderben." Wir aber sind heute gegen diese Leiden empfindlicher als unsere Väter. Wir haben im neunzehnten Jahrhundert die Befreiung der Völker in Europa miterlebt und das Bedürfnis nach Gleichberechtigung ist in uns viel intensiver und viel mächtiger geworden. Wir finden die Zurücksetzung, die Demütigung nicht mehr selbstverständlich wie unsere Väter, wir empören uns vielmehr dagegen und wollen sie unter keiner Bedingung dulden. Wenn die jüdische Jugend, die schon ganz in der Freiheit aufgewachsen ist, dies noch unmittelbarer und noch stärker empfindet als wir, die Repräsentanten einer älteren Generation, so begrüßen wir das nur mit Freude. Es wäre durchaus nicht an der Zeit, zum Dulden, zum ruhigen Auf sichnehmen zu mahnen und die Empfindlichkeit für unsere gemeinsamen Leiden abschwächen zu wollen.