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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 486

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Der Kulturwert des Judentums
Date
1920-01-01
Page
486 (sequence 8)
Language
German
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486 Wilhelm Jerusalem: Der Kulturwert des Judentums lange wird die Humanität nicht aussterben, und das allein wäre Grund genug sich für die Erhaltung des Judentums einzusetzen. Jeder Jude, der an der Erhaltung und Kräftigung unseres Stammes und der ihm eigenen Weltanschauung mitarbeitet, der arbeitet zugleich für die höchsten Ideale der Menschheit. 6. D ieseeben erwähnte Weltanschauung, die aus dem Wesen des Judentums hervorgeht, ist nun wieder selbst ein hoher Kulturwert. Sie ist vor allem dadurch charakterisiert, daß sie dem Leben zugekehrt ist. Es finden sich zwar in unseren heiligen Schriften nicht selten Stellen, die der Vergänglichkeit des Irdischen, der Schwäche und dem Elend der Menschen ergreifenden Ausdruck geben, allein die Grundtendenz der mosaischen Gesetzgebung und der Grundgedanke der talmudischen und religionsphilosophischen Sittenvorschriften ist doch auf Erhaltung, Verlängerung und Vervollkommnung des Lebens auf der Erde gerichtet. „Du aber wähle das Leben, damit du lebest, du und deine Nachkommen" (5. Mos. 30, 20). Der Jenseitsgedanke ist zwar von den Persern und von den Griechen her in das Judentum eingedrungen und wir finden die „kommende Welt" bereits in der Mischna mehrfach erwähnt. Aber eine führende Rolle hat die Jenseitshoffnung im Judentum niemals gespielt. Nicht ein Erlöschen aller Willenstätigkeit, nicht ein taten- und schmerzloses Nirwana ist unser Ziel. Unsere Propheten verheißen uns vielmehr das Reich des ewigen Friedens und allgemeiner Menschenverbrüderung auf Erden. Unsere Devise ist ein lebenskräftiger Meliorismus, der auf eine stete Verbesserung und Vervollkommnung hinarbeitet. Der Weltkrieg hat die Seelen mächtig aufgewühlt und ein bisher noch nicht zur vollen Klarheit gelangtes Streben nach einer Neugestaltung der Welt gezeitigt. Er hat der ganzen Menschheit unsägliches Leid gebracht, wovon wir unser besonders reich zugemessenes Teil erhielten. Wir haben überall mitgekämpft, mitgetlutet und mitgeholfen, und trotzdem scheint erneuter Haß unser Lohn werden zu wollen. Wir werden also nach dem Kriege eine große Leidensgesellschaft bleiben und es wird all unserer Kraft und Ausdauer bedürfen, um uns der alten und der neuen Feinde zu erwehren. Die Waffen zu diesem Kampfe werden uns die Errungenschaften liefern, die aus unsern Schöpfungen und aus unsern Schicksalen uns zuteil geworden sind. Unsere weitaus bedeutendste Schöpfung ist aber unsere Religion und die damit eng verwobene Nationalität. Sie enthalten die Forderung und die Fähigkeit zu geistiger Konzentration und zu werktätiger Menschenliebe. Beides werden wir nach dem Kriege noch dringender brauchen als je zuvor. Aber auch die aus unserm Schicksal entstandene Tendenz zum Fortschritt und die Begeisterung für die Idee der Humanität wird uns Bundesgenossen werben unter den Edlen der Erde. Unsere dem Leben zugekehrte Weltanschauung wird uns scharfsichtig machen für die Mittel und Wege, unsere Eigenart zu erhalten und damit der Menschheit zu dienen. Sollte der Weltkrieg die Möglichkeit schaffen, in Palästina ein geistiges Zentrum der Judenheit im Sinne Achad Haams zu errichten, dann kann es ja wieder wahr werden, daß von Zion die Lehre ausgeht und das Wort Gottes von Jerusalem. Vielleicht baut man dann wirklich aus uns die Trümmer der

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