Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Kulturwert des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 483 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kulturwert des Judentums 483 uns dieses Buch wieder zu erobern und dabei zu zeigen, daß wir es doch besser verstehen und richtiger würdigen. Unter den Zehn Geboten ist eines, das wegen seines besonders hohen Kulturwertes eigens hervorgehoben zu werden verdient. Ich meine das Gebot der Sabbatruhe. Wir haben damit der Welt den einen Ruhetag in der Woche gegeben und dadurch das Glück der Menschheit in einem gar nicht abzuschätzenden Maße vermehrt und erhöht. Von uns hat das Christentum und der Islam diese Einrichtung übernommen, und so ist unsere Religion die Schöpferin einer Kulturtat ersten Ranges geworden. Auch dieses Gebot ist bei uns kosmisch verankert, weil ja nach der uralten Überlieferung Gott selbst am Sabbat von der Schöpfungsarbeit ausruhte. Mit der Sabbatheiligung verbindet sich überdies bei uns ein Gebot, wie es keine andere Religion kennt. Uns wird wiederholt eingeschärft, daß es Pflicht ist, sich am Sabbat zu freuen. Unser Volk hat also zum erstenmal den ethischen Wert der Freude erkannt, der bis heute noch in den Darstellungen der Ethik nicht zu seinem Rechte gekommen ist. Spinoza, dessen Ethik trotz seiner vielfach bekundeten Feindseligkeit gegen sein Volk doch tief im Judentum wurzelt, hat zwar gelegentlich bemerkt, daß uns die Freude der Vollkommenheit näher bringt (Anm. zu Eth. IV,45), allein in dem System der Sittenlehre hat die Freude ihren gebührenden Platz noch nicht gefunden. Das Judentum hat zuerst den Gedanken geahnt, daß die Freude ein Weg zu innerer Freiheit ist und hat in diesem Gefühl den tiefsinnigen Mythos von der Neschama jethera erdacht, von der bevorzugten Seele, die am Sabbat zu uns herniedersteigt, unser Inneres mit hoher geistiger Freude erfüllt und uns über allen Alltagsjammer und über jede Erdenschwere hinaushebt. Dieses wenige genügt, um zu zeigen, daß unsere Religion nicht nur hohe Kulturwerte geschaffen hat, sondern daß sie selbst an sich ein kulturfördernder Besitz ist und noch neue, unausgeschöpfte Kulturwerte in sich enthält, die geeignet sind, die sittliche Arbeit der Zukunft befruchtend anzuregen und ihr die Richtung zu geben. Es ist unsre wichtigste und heiligste Pflicht, dieses unendlich reiche Kulturgut uns selbst zu lebendigem Bewußtsein zu bringen und aus dieser nie versiegenden Quelle immer neuen Lebens zu trinken. Die im Wesen unserer Religion liegende Aufforderung zur geistigen Konzentration auf ein großes einheitliches Ziel darf niemals aufhören zu einer lebendigen Kraftquelle für uns zu werden. 2. In engem Zusammenhange mit der Religion steht im Judentum die Nationalität. Für dieses Kulturelement findet man in den letzten Jahrzehnten besonders bei der jüngeren Generation viel mehr Verständnis als für die Religion. Dieses jetzt so kräftig erwachte Nationalbewußtsein ist keineswegs etwas durchaus Neues. Viele Stellen in unserer Liturgie und zahlreiche Dichtungen des Mittelalters beweisen klar, daß mit dem tiefen religiösen Gefühl die Sehnsucht nach dem Heiligen Lande immer eng verbunden war. Der Zionismus ist das Wiederaufleben einer alten Idee in neuer Gestalt. Der nationale Gedanke, eine der bedeutsamsten geschichtlichen Kräfte des neunzehnten Jahrhunderts, hat auch das Judentum ergriffen. Zwei Freunde Perez Smolenskis, die in den sechziger Jahren hier in Wien viel mit ihm verkehrten, haben mir übereinstimmend erzählt, Smolenski habe sich oft im Gespräche darüber geäußert. „Die Deut- 32*