Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Kulturwert des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 482 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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482 Wilhelm Jerusalem: Monotheismus und erst dadurch wird sie zum Kulturträger der ganzen Menschheit. Hermann Cohen hat in seiner Schrift „Religion und Sittlichkeit" auf das schöne Wort des Propheten Micha (6,8) hingewiesen: „Er hat dir gesagt, o Mensch, was gut ist". Noch bezeichnender aber für den rein ethischen Charakter des jüdischen Monotheismus ist der 15. Psalm. Dort wird gefragt: „Wer wird weilen in Deinem Zelte, o Herr, wer wohnen auf Deinem heiligen Berge?" In der Antwort darauf ist nun nicht etwa von Zeremonien, von Opfern, von Gebeten die Rede. Nichts von alledem. Die wirkliche Frömmigkeit besteht nach den ganz klaren Worten des Psalmisten in nichts anderem als in unbestechlicher Wahrhaftigkeit und in werktätiger Menschenliebe. Die Trennung des reinen Sittengesetzes von den Zeremonialvorschriften führt ganz von selbst dazu, daß die Ethik der Propheten den großen Zug ins Universalistische bekommt, der sie zum bleibenden uud ewig wirksamen Kulturgut der Menschheit macht Dem einzigen und einheitlichen Gott muß eine in sich geeinte Menschheit entsprechen, die durch das zur allgemeinen Geltung gelangte Sittengesetz zusammengehalten wird. „Und man baut aus Dir auf die Trümmer der Vorzeit und die Grundfesten der Geschlechter, Du sollst sie errichten." „Mein Haus soll zum Gebethaus werden für alle Völker." Durch den religiös-sittlichen Willen wird das von dem einzigen Gott erwählte Volk zur ganzen Menschheit erweitert. Im nachbiblischen Schrifttum finden wir gelegentlich, wie dieser Gedanke eines für alle Menschen geltenden Sittengesetzes noch eine weitere Vertiefung erfährt, indem das Sittengesetz zu einer Art von Weltprinzip wird und so eine kosmische Ethik entsteht. Im Talmud findet sich öfter die Erzählung, daß Gott verschiedenen andern Völkern seine Thora angeboten habe. Die Völker wollten sie aber nicht annehmen, weil sie ihre Forderungen zu streng fanden. Da kam Gott zum Volke Israel, sprach aber vorher zu sich selbst: „Wenn Israel die Thora annimmt, dann ist es gut. Wenn es sie aber nicht annimmt, dann muß ich die Welt in das Chaos zurückverwandeln." Die Welt ist also nur dann wert zu bestehen, wenn die Menschen das Sittengesetz als verbindlich anerkennen. Diese Verankerung des Sittlichen im Universum ist ein tiefsinniger philosophischer Gedanke, an den sich Anklänge gerade bei den idealistischen Denkern finden. Plato faßt die Idee des Guten als den Seinsgrund aller andern Ideen, d. h. des für ihn allein wirklichen Wesens der Dinge auf. Am deutlichsten aber hat Fichte die Realität der Welt auf die Sittlichkeit gegründet. „Unsere Welt", sagt er, „ist das versinnlichte Material unserer Pflicht, das ist das eigentlich Reelle an denDingen, der wahre Grundstoff aller Erscheinung." (Fichte, S. W.S,iSS)- In dem Judentum der Diaspora hat nun allerdings viele Jahrhunderte hindurch bei der großen Masse der Orthodoxen das Zeremonialgesetz wieder die Oberhand erhalten, aber eben deshalb muß von all denen, die eine Erneuerung des Judentums herbeisehnen, weil nur dadurch die Erhaltung gesichert werden kann, der ethische Grundcharakter der Prophetenreligion immer wieder aufs neue betont und dargleegt werden. Wir dürfen niemals vergessen, daß wir der Welt in den Zehn Geboten den ersten Moralkodex und daß wir ihr das Buch der Bücher gegeben haben. Dieses Buch haben sich die anderen Völker allerdings so sehr angeeignet, daß sie es oft gar nicht mehr als unser Erzeugnis wollen gelten lassen. Es wäre daher sehr an der Zeit, daß wir etwas tun, um