Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Kulturwert des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 481 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kulturwert des Judentums anglikanischen Geistlichen Travers Herford über das pharisäische Judentum*) vielleicht am schärfsten erfaßt und am deutlichsten herausgearbeitet worden. Die Thora ist zwar von Gott gegeben, gewinnt aber im Laufe der Zeiten eine immer größere Selbständigkeit neben Gott selbst und mitunter sogar über ihm. Wird uns doch wiederholt mitgeteilt, daß Gott täglich einige Stunden sich mit Thorastudien beschäftige und im Midrasch Bereschith-Rabba heißt es ausdrücklich, daß Gott bei der Erschaffung der Welt auf die Thora hinblickte. Aus der Vertiefung und aus der Verbreitung des Studiums der Thora ging im Laufe der Jahrhunderte die Mischna, die Gemara, der Midrasch und die gewaltige Masse der Kommentatoren hervor, ein Schrifttum von solcher Ausdehnung und Schwierigkeit, daß zu seiner Beherrschung eine ganze Lebensarbeit kaum ausreichte. Dabei bildete sich eine eigentümliche dialektische Methode heraus, die aus den kleinsten Kleinigkeiten, die im Texte standen und auch aus solchen, die nicht dort standen, weitgehende Schlußfolgerungen zog und überhaupt die Gewohnheit zeitigte, sich weit mehr mit fremden Meinungen über die Dinge, als mit den Dingen selbst zu beschäftigen. Das Studium der Thora in diesem erweiterten Sinn wurde immer als etwas an sich Verdienstliches betrachtet, das von andern Verpflichtungen dispensierte und sogar offene Gesetzesverletzung kompensieren konnte. ,,Wer das Joch der Thora auf sich nimmt," heißt es in den Sprüchen der Väter (Pirke Aboth 111,5) »den befreit man vom Joch der Regierung und vom Joche der Mode und Etikette." Der Frevler Elisa ben Abuja, bekannt unter dem Namen Acher, wurde wegen seiner reichen Gesetzeskenntnis sehr geschätzt. Als er mit offensichtlicher Verletzung der Sabbatvorschriften an diesem Ruhetage zu Pferde stieg, ging der fromme Rabbi Meir neben ihm her, um von ihm zu lernen. Da man mit dem Unterricht in diesem Schrifttum schon sehr früh begann und es infolge dessen gar keine Seltenheit war, daß 12—15jährige Jungen schon große Talmudisten waren, so ist es begreiflich, daß diese Beschäftigung den Geist in eigenartiger Weise zu formen geeignet war. Wenn die Orthodoxen des Ostens den Talmud als den einzigen Stoff betrachten, mit dem man sich geistig beschäftigen darf, wenn schon das Lesen eines deutschen Buches für frevelhaft gilt, so wirkt diese starke Einseitigkeit zweifellos als Hemmschuh und hat vollkommene Abschließung zur Folge. Trotzdem wird sie auch hier zur Quelle seelischer Kraft. Das beweisen mir die zahlreichen Talmudjünger, die das „Joch der Thora" zu zerbrechen wußten und sich weltlichen Studien zuwendeten. Ich habe selbst eine nicht geringe Zahl solch junger Leute kennen gelernt und immer aufs neue gestaunt, mit welcher Schnelligkeit und Gründlichkeit sie sich in neue Wissensgebiete einzuarbeiten vermochten, und wie große Wissensmengen sie in verhältnismäßig kurzer Zeit in sich aufnehmen konnten. Darin liegt für mich der ganz konkret gelieferte Beweis, daß die einheitliche Geistigkeit des jüdischen Gottesbegriffes zu einer seelischen Konzentration auf geistige Dinge geführt hat, die eine bisher nicht versiegte Quelle der geistigen Kraft, der geistigen Gewandtheit und des geistigen Reichtums geworden ist. Unsere Religion ist aber nicht nur sp iritualistischer, sie ist auch ethischer *) Pharisaism, its Aim andMethods by Travers Herford 1912. Deutsch unter dem Titel »Das pharisäische Judentum", autorisierte Übersetzung von Rosalie Perles mit einer Einleitung von Felix Perles, Leipzig 1913. Heft 7. 32